Zum Problem des Klimawandels

Botschaft des Universalen Hauses der Gerechtigkeit zum Problem des Klimawandels

Nachfolgende finden Sie Auszüge aus der Botschaft des Universalen Hauses der Gerechtigkeit vom 29. November 2017 

»Ihr Brief offenbart wohlüberlegte Sorgen bezüglich der praktischen Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis, ihrer Implikationen für gesellschaftliches Handeln und ihrer möglichen Entstellung durch die Warnung vor den katastrophalen Auswirkungen eines menschengemachten Klimawandels, von der Sie glauben, sie sei extrem, politisch aufgeladen und nicht von den Fakten gedeckt. Obleich Sie es nicht ansprechen, sind Sie sich sicherlich dessen bewusst, dass Ihre gemäßigte Skepsis in der öffentlichen Debatte großteilig von einer anderen, ebenfalls von politischen und eigennützigen Interessen unterstützten, Extremposition überschattet wird, die soweit geht, den Klimawandel zu leugnen und versucht, die relevanten wissenschaftlichen Erkenntnisse entweder abzulehnen oder gänzlich zu leugnen. Bedenken gegenüber einer der beiden Extrempositionen innerhalb der Debatte müssen daher in einer Weise zur Sprache gebracht werden, die nicht den Eindruck erweckt, dem anderen Extrem das Wort zu reden. In der Frage des Klimawandels und anderer gewichtiger Themen mit tiefgreifenden Auswirkungen auf das Gemeinwohl müssen die Bahá'í vermeiden, in die in heutigen Diskursen allzu häufig auftretende Tendenz hineingezogen zu werden, krasse Gegensätze zu konstruieren, in Machtkämpfen umgarnt zu werden und sich an verhärteten Debatten zu beteiligen, die den Blick für die Suche nach tragfähigen Lösungen für die Probleme der Welt trüben. Der Menschheit wäre am besten und effektivsten damit geholfen, parteiische Dispute beiseite zu schieben, vereinte Anstrengungen zu unternehmen, die sich auf die bestmöglichen verfügbaren wissenschaftlichen Daten stützen und von geistigen Prinzipien getragen sind, und dieses Handeln sorgfältig im Lichte der Erfahrung zu überprüfen. Der permanente Fokus darauf, Unterschiede zu finden und zu vermehren, anstatt auf Gemeinsamkeiten aufzubauen, führt zu Übertreibungen, die Ärger und Verwirrung befeuern und dadurch den Willen und die Fähigkeit untergraben, auf Feldern von entscheidender Bedeutung zu handeln.«

»Eines der drängendsten Probleme für die Menschheit ist in diesem Jahrhundert die Frage, wie eine wachsende, sich schnell entwickelnde aber noch nicht vereinigte Weltbevölkerung in einer gerechten Weise mit der Erde und ihren endlichen Ressourcen in Einklang leben kann. Wenn ein Organismus sein Ökosystem negativ beeinflusst oder dessen Kapazitäten überbeansprucht, offenbaren sich bestimmte biologische Gesetzmäßigkeiten. Die begrenzte Verfügbarkeit und ungerechte Verteilung der Ressourcen haben in vielfältiger Weise wesentlichen Einfluss auf die sozialen Beziehungen innerhalb und zwischen den Nationen, bis hin dazu, dass sie Aufstände und Kriege herbeiführen. Auch können einzelne gesellschaftliche Übereinkünfte verheerende Folgen für die Umwelt haben. Die Frage, welche Auswirkungen der Klimawandel haben wird, in welchem Maße er menschengemacht ist und wie seine Folgen abgemildert werden können, ist heute ein wesentlicher Teilaspekt dieses Themas. Die Offenbarung Bahá'u'lláhs berührt direkt oder indirekt eine Reihe dieser Sorgen in einer Weise, die einer harmonischen Beziehung zwischen der Gesellschaft und der Natur das Wort redet. Daher ist es unerlässlich, dass die Bahá'í zum Diskurs und zum gesellschaftlichen Handeln in solchen Fragen beitragen.«

»Unter den Bahá'í-Lehren finden sich solche, die die Bedeutung der Wissenschaft betreffen. "Viel verdanken fürwahr die Völker der Welt den Wissenschaftlern...", stellt Bahá'u'lláh fest. 'Abdu'l-Bahá schrieb, dass "die Wissenschaften von heute ... Brücken zur Wirklichkeit" seien, und bekräftigte vielfach, dass "die Religion ... in Einklang mit Wissenschaft und Vernunft stehen" müsse. Bezeichnenderweise antwortete Shoghi Effendi, als ihm eine wissenschaftliche Frage gestellt wurde, in einem Brief in seinem Auftrag, dass "wir ... eine Religion" seien "und nicht qualifiziert, uns zu wissenschaftlichen Fragestellungen zu äußern". Und als Antwort auf Fragen mit wissenschaftlichem Hintergrund, die ihm zu unterschiedlichen Zeiten gestellt wurden, ermahnte er die Bahá'í beständig, dass solche Fragen von Wissenschaftlern untersucht werden müssten.«

»Die wissenschaftliche Forschung zur Frage des menschlichen Beitrags zum Klimawandel hat sich im Verlauf von über einem Jahrhundert immer weiter entwickelt wird in jüngster Zeit mit erhöhter Aufmerksamkeit betrieben. Obgleich es immer Unterschiede zwischen Auffassungen einzelner Forscher geben wird, so gibt es doch unter den Experten in den relevanten Disziplinen ein beeindruckendes Maß an Übereinstimmung bezüglich der Ursachen und Folgen des Klimawandels.«

»Solide wissenschaftliche Ergebnisse, erlangt durch die Anwendung solider wissenschaftlicher Methoden, zeitigen Wissen, auf dessen Grundlage gehandelt werden kann; letztlich müssen aber die Ergebnisse der Aktion der weitergehenden wissenschaftlichen Forschung und der Faktenlage über den tatsächlichen Zustand der Welt standhalten können. In dem weiten Spektrum der Fragestellungen, die diskutiert werden – was die Frage nach dem Ausmaß des menschlichen Einflusses ebenso einschließt wie die Frage nach Vorhersagen über die möglichen zukünftigen Folgen des Klimawandels und Methoden zu seiner Eindämmung – gibt es zweifellos einige Aspekte, die weniger stark durch die wissenschaftlichen Erkenntnisse gestützt werden als andere, und daher einer weitergehenden kritischen Analyse unterzogen werden sollten.«

»Vor über einem Jahrhundert verwies Abdu'l-Bahá auf die "Einheit des Denkens in weltweiten Unternehmungen, die bald vollzogen werden wird". Das jüngst ratifizierte internationale Abkommen über den Klimawandel, ungeachtet aller Defizite und Grenzen, die es haben mag, liefert einen weiteren Beweis für diese von 'Abdu'l-Bahá vorausgeschaute Entwicklung. Das Abkommen stellt einen Ausgangspunkt für konstruktives Denken und Handeln dar, das im Laufe der Zeit auf der Basis neuer Erkenntnisse und Erfahrungen verfeinert und angepasst werden kann.«

»Während es ein grundlegendes Prinzip ist, dass die Bahá'í sich nicht in parteipolitische Angelegenheiten einmischen, sollte dies nicht in einer Weise verstanden werden, die die Freunde davon abhält, sich umfassend und aktiv an der Suche nach Lösungen für die drängenden Probleme zu beteiligen, denen die Menschheit sich gegenübersieht. Angesichts der Tatsache, dass die Frage des Klimawandels überall auf der Welt zu sozialen, wirtschaftlichen und umweltpolitischen Sorgen Anlass gibt, haben sich interessierte Bahá'í und Bahá'í-Institutionen und –Agenturen natürlicherweise zu diesem Thema geäußert, ob nun auf örtlicher, nationaler oder internationaler Ebene… Wann immer Bahá'í sich in der breiten Öffentlichkeit an Aktivitäten beteiligen, die mit diesem Thema in Zusammenhang stehen, können sie helfen, zu einem konstruktiven Prozess beizutragen, indem sie den Diskurs über parteiische Erwägungen und eigennützige Interessen hinausheben und danach streben, Einheit im Denken und Handeln herzustellen. Eine reihe von Bahá'í-Konzepten können diese Anstrengungen leiten. Der Brief des Universalen Hauses der Gerechtigkeit vom 1. März 2017 befasst sich beispielsweise mit den moralischen Fragen des Konsums und des exzessiven Materialismus, die mit der Ausbeutung und Zerstörung der Umwelt in Zusammenhang gebracht werden. Zu Beginn wird es ohne Zweifel viele Überschneidungen in unumstrittenen Fragen geben, bei denen der Versuch, das Thema des menschengemachten Klimawandels anzusprechen, mit allgemein anerkannten Methoden des Umweltschutzes zusammenfällt. Mit zunehmender Erfahrung und wachsendem Wissen könnte sich dann der Bereich, in dem eine Zusammenarbeit mit Anderen möglich ist, erweitern.«

»In jenen Teilen der Welt, in denen die Diskussionen um den menschengemachten Klimawandel in der Tat einem beinahe unüberwindlichen Graben zum Opfer gefallen sind, müssen die Bahá'í feinfühlig mit der Gefahr umgehen, dass dieser entzweiende parteipolitische Ansatz sich in der Gemeinde Raum greifen könnte. Das kann durchaus bedeuten, dass einige Einzelpersonen oder Agenturen sich der Frage stellen müssen, in welchem Maße ihre Ansichten bezüglich der notwendigen Schritte in Bezug auf den Klimawandel eine zu extreme Haltung widerspiegeln, ob durch Übertreibung oder Untertreibung des Problems. Die Konzepte und Prinzipien, die mit der Bahá'í-Beratung verbunden sind, machen deutlich, wie sich die Freunde untereinander verhalten und wie sie sich in gesellschaftliche Diskurse und gesellschaftliches Handeln einbringen sollten.«

»Die Beratung stellt ein Werkzeug bereit, durch das ein gemeinsames Verständnis erreicht und ein gemeinsames Handlungsmuster definiert werden kann. Sie ist geleitet von dem freien, respektvollen, geheiligten und unvoreingenommenen Bestreben einer Gruppe von Menschen, Meinungen auszutauschen, nach der Wahrheit zu suchen und eine Einigung zur erzielen. Anfängliche Meinungsverschiedenheiten werden als Ausgangspunkt für die Untersuchung einer Fragestellung angesehen, die das Ziel verfolgt, ein größeres Verständnis und Einigkeit zu gewinnen; sie sollten nicht zur Ursache für Groll, Abneigung oder Entfremdung werden. Durch gemeinschaftliches Handeln kann eine Schlussfolgerung über eine bestimmte Vorgehensweise überprüft und gegebenenfalls in einem Lernprozess angepasst werden. Anderenfalls werden, wie 'Abdu'l-Bahá erklärt, "Starrsinn und Beharren auf der eigenen Ansicht ... schließlich zu Zank und Streit führen", während "die Wahrheit aber ... verborgen" bleibt.«

»Ebenfalls relevant ist im Zusammenhang mit einer solchen Beteiligung ein besseres Verständnis und eine sorgsamere Anwendung der Einsichten Bahá'u'lláhs in die Tugend der Mäßigung. "In allen Dingen ist Mäßigung wünschenswert", sagt Er. "Wird etwas übertrieben, so erweist es sich als Quell des Unheils." Dieser Aufruf zur Mäßigung umfasst insbesondere den Gebrauch der Sprache, soll eine gerechte Schlussfolgerung gezogen werden. "Menschliche Rede will ihrem Wesen nach Einfluss üben und bedarf deshalb der Mäßigung", schreibt Bahá'u'lláh. "Ein bestimmtes Wort ist wie der Frühling, der die zarten Schößlinge im Rosengarten der Erkenntnis grünen und blühen lässt, während ein anderes Wort wie tödliches Gift ist", erklärt Er. "Ein umsichtiger und weiser Mensch sollte deshalb voll Milde und Geduld reden, damit die Süße seiner Worte einen jeden erlangen lässt, was der Stufe des Menschen angemessen ist." Unter dieser Mäßigung versteht Er jedoch in keinster Weise einen bloßen Kompromiss, eine Verwässerung der Wahrheit oder einen heuchlerischen oder utopischen Konsens. Die Mäßigung, die Er anmahnt, verlangt die Beendigung der zerstörerischen Exzesse, die die Menschheit geplagt und endlose Streitigkeiten und Unruhen angefacht haben. Die Mäßigung in Beratung und Handeln steht im scharfen Gegensatz zum rücksichtslosen Aufzwingen von Meinungen durch Macht oder dem Beharren auf ideologischen Zielen, die beide die Suche nach Wahrheit behindern und die Saat fortgesetzter Ungerechtigkeit säen. "Wer sich an die Gerechtigkeit hält, kann auf keinen Fall die Grenzen der Mäßigung überschreiten", sagt Bahá'u'lláh. "Durch die Führung des Allsehenden erkennt er die Wahrheit in allen Dingen."«

»Das Universale Haus der Gerechtigkeit vertraut darauf, dass die Einzelnen, die Gemeinden und die Institutionen, während sie ihre Arbeit an zahlreichen Aspekten der Gemeindebildung, der sozialen Aktion und der Beteiligung an den Diskursen der Gesellschaft fortsetzen, fortwährend in ihrer Fähigkeit wachsen werden, einen unverwechselbaren und entscheidenden Beitrag zu leisten, die zahllosen Probleme anzusprechen, die die Gesellschaft und den Planeten befallen haben, einschließlich solcher, die mit dem Klimawandel verbunden sind.«

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