Wie sollten Bahá'ís zum Klimawandel stehen?

Wie sollten Bahá'ís zum Klimawandel stehen? Anwendung aktueller institutioneller Führung

Das Universale Haus der Gerechtigkeit hat den Bahá'í klare Richtlinien gegeben, wie sie sich im öffentlichen Diskurs und sozialen Handeln engagieren und parteipolitische Fragen vermeiden können. Wie können wir diese Leitlinien in der Praxis anwenden? Konkret: Wie können wir die Leitlinien auf das Thema Klimawandel anwenden, welches besonders mit einer Bewegung der jungen Menschen wie "Fridays for Future" in den Nachrichten steht?

Zur Frage: Warum haben die Menschen Zweifel an der Wissenschaft vom Klimawandel aufkommen lassen?

Wie sollten Bahá'ís reagieren? Was können wir als Bahá'í in dieser hochaktuellen politischen Situation tun? Sollten wir den Klimawandel einfach ignorieren und unsere Vision nach innen wenden? Die klare Antwort ist: nein. Am 27. April 2017 wurde in einem Schreiben des Universalen Hauses der Gerechtigkeit festgestellt, dass »Fraglos sind die Bahá’í den Bemühungen um soziale Transformation verpflichtet« und fordert sie auf, die falsche Dichotomie zu vermeiden »dass jemand wählen muss zwischen entweder Nichteinmischung in die Politik oder sozialer Aktion«. Das Universale Haus der Gerechtigkeit machte im gleichen Brief auch ganz klar, dass der Klimawandel zu den Themen gehört, mit denen sich die Bahá'í beschäftigen sollten:

»Daher steht es individuellen Bahá’í frei, an solchen Bestrebungen und Aktivitäten teilzunehmen, wie an friedlichen Kundgebungen, die konstruktive, mit den Bahá’í-Lehren übereinstimmende Ziele verfolgen, wie, zum Beispiel, der Fortschritt der Frauen, die Förderung sozialer Gerechtigkeit, der Umweltschutz, die Ausmerzung aller Formen von Diskriminierung und die Sicherstellung der Menschenrechte.«

Während es für die meisten Menschen offensichtlich ist, dass der Klimawandel das Umweltproblem mit den schwerwiegendsten und dauerhaftesten Folgen ist, würde nicht jeder den Zusammenhang herstellen, dass der Klimawandel eine Menschenrechtsfrage ist.

Warum ist der Klimawandel ein Thema der Menschenrechte?

Das Recht auf Leben ist ein grundlegendes Menschenrecht, aber der Klimawandel trägt bereits dazu bei, dass viele Menschen ihr Leben verlieren - zum Beispiel bei schwereren Stürmen. Der Klimawandel bedroht auch ernsthaft das Recht künftiger Generationen auf Leben, weil er die natürlichen Systeme zerstört, die das menschliche Leben unterstützen. Darüber hinaus bedroht der Klimawandel das Recht auf einen angemessenen Lebensstandard, ein weiteres grundlegendes Menschenrecht, indem er den Zugang zu Nahrung, Wohnraum und ausreichend sauberem Wasser beschränkt und die Wasserknappheit verschärft.

In den meisten Fällen sind die Auswirkungen des Klimawandels für die Landwirtschaft schädlich, und sie verdrängen Menschen aus ihren Häusern, weil Stürme, Überschwemmungen und der Anstieg des Meeresspiegels zu erwarten sind. Viele Flüchtlinge mussten ihre Länder bereits zumindest teilweise wegen des Klimawandels verlassen. In nicht allzu ferner Zukunft wird der Klimawandel voraussichtlich Hunderte von Millionen Menschen verdrängen.

Zusätzlich zu den neueren Leitlinien hatte das Universale Haus der Gerechtigkeit bereits in seiner 'Ridván Botschaft 2010' auf den Klimawandel als Thema des öffentlichen Diskurses hingewiesen:

»Auf der Clusterebene kann die Beteiligung am öffentlichen Diskurs sehr unterschiedliche Formen annehmen; sie reicht von etwas so Einfachem, wie Bahá'í-Ideen in ein alltägliches Gespräch einzuflechten, bis zu formelleren Aktivitäten, wie der Ausarbeitung von Artikeln und Beteiligung an Treffen, die sich mit Themen von sozialem Interesse befassen - wie Klimawandel und Umwelt, Regierungsführung und Menschenrechte, um nur ein paar zu nennen.«

Vermeidung parteiischer Politik bei der Diskussion über den Klimawandel. 

Wie können wir vermeiden, in die Parteipolitik hineingezogen zu werden, während wir mit Familie und Freunden über den Klimawandel diskutieren? Das Universale Haus der Gerechtigkeit bietet praktische Leitlinien in seiner Botschaft vom 27. April 2017: 

Bahá'ís sollten niemals eine parteiische Sprache verwenden, sollten es vermeiden, wie »der Hüter die Freunde besonders davor warnte, sich auf Politiker zu beziehen, sei es kritisch oder unterstützend,« sollten »der Regierung ihres Landes gehorsam sein« und sich niemals in zivilen Ungehorsam begeben. Die Einhaltung dieser Regeln wird einen Bahá'í auf einen Weg der konstruktiven Beteiligung an allen zivilen Diskursen und sozialen Aktionen, einschließlich des Klimawandels, bringen.

Teilnahme an konstruktiven Diskussionen. 

Es gibt viele Möglichkeiten, wie die Bahá'í den öffentlichen Diskurs über spaltende und vergebliche Debatten hinaus auf eine konstruktive Diskussionsebene bringen können. Ein Prinzip, das die Bahá'í in solchen Diskussionen anwenden können, ist die Bedeutung der Gerechtigkeit. Während arme und indigene Menschen zuerst und am meisten unter den Auswirkungen des Klimawandels leiden, sind sie am wenigsten für den Anstieg der Kohlenstoffdioxid-Konzentrationen in der Atmosphäre verantwortlich, welche die globale Erwärmung verursachen. Reiche Menschen sind am meisten für die enormen CO2-Emissionen verantwortlich und zumindest vorerst weniger von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen - oder haben die Mittel, beispielsweise an einen anderen Ort zu ziehen, wenn ihre Häuser von einem Sturm beschädigt oder zerstört werden.

Ein weiteres Prinzip, das die Bahá'í in konstruktive Gespräche einbringen können, ist die Einheit der Menschheit und die Bedeutung einer gerechten Weltordnung bei der Bewältigung globaler Probleme - einschließlich des Klimawandels. Einige, mit denen die Bahá'ís sprechen, könnten die Frage des Rückzugs der USA aus dem Pariser Klimaabkommen 2015 ansprechen. Während nur zukünftige Historiker in der Lage sein werden, die Bedeutung des Pariser Abkommens zu bestimmen, könnte es wahrscheinlich als Meilenstein in der Entwicklung der Menschheit hin zu einer friedlichen Weltordnung in die Geschichte eingehen, denn es war das erste Mal überhaupt, dass sich 195 Länder auf ein Thema einigten. Aber das Pariser Klimaabkommen ist nicht perfekt. Es kommt nicht einmal in die Nähe der starken Reduzierung der Treibhausgasemissionen, die erforderlich sind, um einen katastrophalen Klimawandel zu vermeiden. Natürlich unterstützen die Bahá'ís und Bahá'í-Institutionen keine spezifischen Maßnahmen, die Regierungen ergreifen, aber sie könnten sehen, wie sich der Geist auf der Pariser Klimakonferenz (COP 21) auf dem Weg zur globalen Einigung entwickelt. In Gesprächen können Bahá'ís darauf hinweisen, dass Bahá'u'lláh in der ‘Ährenlese’ sagte:

»Die Wohlfahrt der Menschheit, ihr Friede und ihre Sicherheit sind unerreichbar, ehe nicht ihre Einheit fest begründet ist.« 

Frieden und globale Zusammenarbeit sind von entscheidender Bedeutung, um den Klimawandel und alle anderen globalen Fragen anzugehen.

Bahá'í können ihren Freunden auch mitteilen, dass die Internationale Bahá'í-Gemeinde (BIC) Delegierte zu allen internationalen Klimakonferenzen entsandt hat, mit dem Ziel, die Perspektiven der Bahá'í zu den diskutierten Themen darzustellen und den Diskurs mit spirituellen und ethischen Prinzipien zu bereichern. Für die Klimakonferenz der Vereinten Nationen 2015 in Paris schrieb die BIC ‘Shared Vision, Shared Volition: Choosing Our Global Future Together’, eine Erklärung, welche die Einheit der Menschheit beschreibt und erklärt, dass unsere Beziehung zur Erde und ihren natürlichen Systemen mit unserer Beziehung zueinander korreliert.

Darüber hinaus können Bahá'ís in jeder Situation positive Seiten finden. 

Nach dem Rückzug der USA aus dem Pariser Abkommen haben mehrere Staaten in den Vereinigten Staaten ihren Beitritt erklärt, und jetzt folgen viele Städte und Gemeinden diesem Beispiel. Sogar viele Unternehmen haben sich für das Abkommen ausgesprochen. Die Realität ist, dass sich jeder an der Reduzierung der CO2-Emissionen beteiligen muss - unabhängig davon, ob es ein Pariser Abkommen gibt oder nicht. Die Bahá'í können die Sensibilisierung und die Maßnahmen von Regierungen, Privatsektor und Einzelpersonen begrüßen.

Bahá'ís können auch vernünftige Klimaaktionen »mit allen legalen Mitteln« unterstützen, wie das Universale Haus der Gerechtigkeit in seinem Schreiben vom 27. April 2017 erklärte:

»Die Prinzipien der Nichteinmischung in die Politik und des Gehorsams der Regierung gegenüber sind, weit entfernt davon, ein Hindernis für den sozialen Wandel zu sein, Aspekte einer Herangehensweise, die in den Bahá’í-Schriften dargelegt ist, um wirksame Heilmittel anzuwenden und die Ursachen für das Übel, das die Gesellschaft heimsucht, anzusprechen. Diese Herangehensweise umfasst aktive Beteiligung am Gesellschaftsleben, wie auch die Möglichkeit, die Sozialpolitik der Regierung mit allen gesetzlichen Mitteln zu beeinflussen und zu ihr etwas beizutragen.«

Daher können die Bahá'í lokale, staatliche und nationale Vertreter kontaktieren, Briefe schreiben, Petitionen unterzeichnen und an friedlichen, unpolitischen Demonstrationen teilnehmen.

Bahá'ís können sich insbesondere stärker an interreligiösen Bemühungen zur Eindämmung des Klimawandels beteiligen. Menschen aller Glaubensrichtungen erkennen, dass der Klimawandel eine Bedrohung für die menschliche Zivilisation ist, die in ihrem Umfang ein beispielloses und zutiefst moralisches Problem darstellt. Vertreter interreligiöser Koalitionen für die Umwelt, wie die interreligiöse Naturschutzwoche initiert vom Abrahamischen Forum, das Parlament der Weltreligionen (zu deren Zielen die Pflege, der Schutz, die Heilung und die Wiederherstellung der Erde und allen Lebens gehören) oder Religions for Peace wirken in diese Richtung. Eine Reihe von Bahá'í arbeiten auch mit solchen Organisationen auf nationaler, staatlicher und lokaler Ebene zusammen. Die Beteiligung der Bahá'í an der 10. Weltkonferenz von Religions for Peace (RfP) in Lindau, August 2019: Dialog der Weltreligionen - 900 Gäste aus etwa 100 Ländern in Lindau. Darunter waren hochrangige Vertreter von Christentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus (mit Schintoismus und Taoismus), Jainismus, Judentum, der Bahá’ís, Sikhismus, Zarathustrismus und indigenen Religionen.

Die Bahá'ís können auch aus vielen anderen Bereichen wählen, in denen sie dienen möchten. Das Universale Haus der Gerechtigkeit schrieb weiterhin in seiner Botschaft vom 27. April 2017: 

»Die Freunde sind zu drei gleichzeitigen, überlappenden und zusammenhängenden Aktionsbereichen aufgerufen: gemeindeaufbauenden Bemühungen in Clustern, Projekten und Aktivitäten im sozialen Bereich und Beteiligung an den Diskursen der Gesellschaft…«

Natürlich sollten sich die Bahá'í durch umweltbewusstes Alltagshandeln und durch den Ausdruck der Bahá'í-Werte sowohl in ihren Beziehungen zu anderen Menschen als auch in ihrem Umgang mit der Erde auszeichnen.

Die Verpflichtungen der Bahá'í zur Reduzierung des Klimawandels stehen in perfektem Einklang mit der Ermahnung in der Botschaft des Universalen Hauses der Gerechtigkeit vom 1. März 2017, sich vom Materialismus und Konsumismus abzuwenden:

»Zufriedenheit und rechtes Maß, Güte und Mitgefühl, Opferbereitschaft und das Vertrauen auf den Allmächtigen sind zu allen Zeiten Eigenschaften, die der gottesfürchtigen Seele wohl anstehen.«

»Die Kräfte des Materialismus fördern ein diametral entgegengesetztes Denken: Glück erlangt man als Folge ständigen Konsums; je mehr man hat, desto besser; und morgen ist auch noch ein Tag, um sich um die Umwelt zu sorgen. Solche verführerischen Botschaften schüren ein sich immer mehr verfestigendes Anspruchsdenken, das die Rhetorik von Recht und Gerechtigkeit benutzt, um doch nur Eigennutz zu verschleiern. Gleichgültigkeit gegenüber der Not anderer wird alltäglich, während Ablenkung, Unterhaltung und Vergnügungen aller Art unersättlich konsumiert werden. Langsam durchdringt der zermürbende Einfluss des Materialismus jede Kultur, und alle Bahá’í erkennen, dass auch sie – in unterschiedlichem Maß – seine Weltsicht unwillkürlich übernehmen, sofern sie sich nicht mit aller Kraft bemühen, sich seine Auswirkungen immer wieder bewusst zu machen.«

Ein einfacheres und umweltfreundlicheres Leben zu führen, ist gut für die Seele aller Menschen und auch für den Planeten. Die Bahá'í haben die große Herausforderung und den Segen, ein Zeugnis dieser Wahrheit in Wort und Tat zu sein.

In der Botschaft zum Problem des Klimawandels des Universalen Hauses der Gerechtigkeit vom 29. November 2017 lesen wir:

»Das Universale Haus der Gerechtigkeit vertraut darauf, dass die Einzelnen, die Gemeinden und die Institutionen, während sie ihre Arbeit an zahlreichen Aspekten der Gemeindebildung, der sozialen Aktion und der Beteiligung an den Diskursen der Gesellschaft fortsetzen, fortwährend in ihrer Fähigkeit wachsen werden, einen unverwechselbaren und entscheidenden Beitrag zu leisten, die zahllosen Probleme anzusprechen, die die Gesellschaft und den Planeten befallen haben, einschließlich solcher, die mit dem Klimawandel verbunden sind.«
 

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Über den Autor
Helmut, Webmaster der Gemeinde, hatte 1970 den ersten Kontakt mit der Bahá'í-Religion und erklärte sich 1974 zum Bahá'í-Glauben. Über 30 Jahre lebte Helmut in Belarus und half dort die Bahá'í-Gemeinde mit aufzubauen. Seit 2014 lebt er mit seiner Familie in Erfurt. Der interreligiöse Bereich und die Förderung der jungen Generation sind besondere Anliegen von Helmut.

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Kommentare

10.10.2019 | Gerhard A H Schaper

Wie sollten Bahá'ís zum Klimawandel stehen?
Die ausführliche Antwort hat Helmut Winkelbach mit UHG-Beiträgen belegt. Sie bietet eine klare Orientierungshilfe und ermutigt zum Handeln. Herzlichen Dank.
Seit 2018 breitet sich die in England entstandene Bewegung "Extinction Rebellion" (Aufstand gegen das Aussterben) in der Welt sehr schnell aus. Handlungsleitende Regeln dieser Initiative sind mit kontruktiven Handlungsbeiträgen der Bahai vereinbar.
Die Zukunftswerkstatt Iserlohn hat Extinction Rebellion (gebräuchliche Abkürzung: XR) bei der Gruppenbildung in Iserlohn im September 2019 unterstützt und arbeitet in Iserlohn und Umgebung weiterhin mit.