Botschaft zum Weltfrieden

Ein neuer Brief des Universalen Hauses der Gerechtigkeit über den Weltfrieden

Es ist unglaublich spannend und aufregend, wenn ein neuer Brief des Universalen Hauses der Gerechtigkeit* an die Bahá'í der Welt veröffentlicht wird! Dieses reichhaltige und so wichtige, sechsseitige Dokument vom 18. Januar 2019 handelt vom Weltfrieden. Ich möchte es nicht zusammenzufassen, sondern jedem die Möglichkeit geben es selbst zu studieren, weshalb ich es im Folgenden vollständig zitiere. Sie können es auch als PDF Datei herunterladen.

Das Universale Haus der Gerechtigkeit bezieht sich in dieser Botschaft auf die lange Reise der Menschheit in Richtung eines Zeitalters des Friedens und erachtet „diesen Moment für geeignet darüber nachzudenken, welche Fortschritte auf dieser Reise gemacht wurden, welches die gegenwärtigen Herausforderungen für den Frieden sind und welchen Beitrag die Bahá’í aufgerufen sind zu seiner Erreichung zu leisten.“

* Das Universale Haus der Gerechtigkeit ist das weltweit leitende Gremium des Bahá’í-Glaubens und der Mittelpunkt des Bundes Bahá’u’lláhs für die heutige Zeit, eine Körperschaft, die aus neun Mitgliedern besteht und alle fünf Jahre von den Mitgliedern aller Nationalen Geistigen Räte (Weltweit über 180) gewählt wird. Bahá’u’lláh verordnete die Bildung dieser Institution in Seinem heiligsten Buch, dem Kitáb-i-Aqdas.

»Insofern es für jeden Tag ein neues Problem und für jedes Problem eine zweckmäßige Lösung gibt, sind solche Angelegenheiten den Geschäftsträgern des Hauses der Gerechtigkeit vorzulegen, damit sie nach den Nöten und Erfordernissen der Zeit handeln.«

Bahá’u’lláh

 

DAS UNIVERSALE HAUS DER GERECHTIGKEIT

Botschaft zum Weltfrieden

18. Januar 2019

An die Bahá’í der Welt

Innig geliebte Freunde,

ein halbes Jahrhundert, nachdem Bahá’u’lláh die Könige und Machthaber aufgerufen hatte, sich miteinander zu versöhnen und ihnen die Errichtung des Friedens auf Erden auferlegt hatte, wurden die Großmächte jener Epoche in einen Krieg gestürzt. Es war der erste Konflikt, der als „Weltkrieg“ betrachtet wurde, und er ist als eine Feuersbrunst von entsetzlicher Heftigkeit in Erinnerung geblieben; das beispiellose Ausmaß und die außerordentliche Grausamkeit des Blutvergießens hat sich dem Bewusstsein jeder nachfolgenden Generation eingebrannt. Und dennoch sind aus den Trümmern und dem Leid Möglichkeiten für eine neue Ordnung erblüht, die der Welt Stabilität verleihen sollte – insbesondere bei der Pariser Friedenskonferenz, die heute vor hundert Jahren eröffnet wurde. In den darauffolgenden Jahren konnte Shoghi Effendi, trotz der wiederholten Krisen, in die die internationalen Angelegenheiten gerieten, „den – wenn auch unausgewogenen – Fortschritt jener Kräfte, die im Einklang mit dem Zeitgeist arbeiten“, erkennen. Diese Kräfte haben die Menschheit immer weiter auf ein Zeitalter des Friedens hin bewegt – nicht nur eines Friedens, der bewaffnete Konflikte ausschließt, sondern eines kollektiven Seinszustands, der Einheit manifestiert. Gleichwohl bleibt es noch ein langer Weg und die Entwicklung kommt nur schubweise voran. Wir halten diesen Moment für geeignet darüber nachzudenken, welche Fortschritte auf dieser Reise gemacht wurden, welches die gegenwärtigen Herausforderungen für den Frieden sind und welchen Beitrag die Bahá’í aufgerufen sind zu seiner Erreichung zu leisten.

In den letzten einhundert Jahren gab es mindestens drei historische Momente, in denen es schien, als sei die Menschheit dabei, nach wirklichem, dauerhaftem Frieden zu greifen; jedoch scheiterte sie immer wieder aufgrund von Schwächen, die sie nicht überwinden konnte. Der erste Moment war – als ein Ergebnis der Pariser Friedenskonferenz – die Gründung des Völkerbundes, einer Organisation, die von ihren Gründern vorgesehen wurde, um den Frieden auf internationaler Ebene zu sichern. Er war das Mittel, mit dem zum ersten Mal in der Geschichte das System der kollektiven Sicherheit, das Bahá’u’lláh den Regierenden der Welt auferlegt hatte, „ernsthaft geplant, diskutiert und erprobt“ wurde. Letztendlich jedoch war das Friedensabkommen, das den Krieg beendet hatte, auf verhängnisvolle Weise mangelhaft und der Völkerbund konnte den zweiten Weltkrieg nicht verhindern, der nach dem Urteil von Historikern der tödlichste Konflikt der Menschheitsgeschichte war. So wie der erste bedeutende Schritt hin zum Weltfrieden auf eine Zeit entsetzlicher Kämpfe folgte, verhielt es sich auch beim zweiten, als nicht nur die Organisation der Vereinten Nationen aus der Asche des Völkerbundes gebildet wurde, sondern ein System internationaler wirtschaftlicher Institutionen entstand und historisch bedeutsame Fortschritte auf dem Gebiet der Menschenrechte und des Völkerrechts erzielt wurden. In rascher Folge wurden viele Gebiete, die unter Kolonialherrschaft gestanden hatten, zu unabhängigen Nationen, und Vereinbarungen zu regionaler Zusammenarbeit nahmen an Tiefe und Reichweite deutlich zu. Die Jahrzehnte nach dem Krieg waren jedoch auch geprägt von einer Atmosphäre schwelender und häufig offener Feindseligkeit zwischen den beiden großen Machtblöcken der Welt. Gemeinhin bekannt als Kalter Krieg verschärfte sie sich in mehreren Regionen der Welt zu tatsächlichen Kriegen und brachte die Menschheit einem mit Atomwaffen ausgetragenen militärischen Konflikt gefährlich nahe. Sein friedliches Ende zum Ausgang des 20. Jahrhunderts war ein Anlass zum Aufatmen und führte zu ausdrücklichen Forderungen nach der Schaffung einer neuen globalen Ordnung. Dies war der dritte Moment, in dem der Weltfrieden in greifbare Nähe gerückt schien. Bemühungen, neue Systeme für die internationale Zusammenarbeit zu errichten und bestehende zu stärken, erhielten einen starken Impuls, als von den Vereinten Nationen eine Reihe von Weltkonferenzen zu Themen einberufen wurde, die für die Zukunft der Menschheit von Bedeutung sind. Es ergaben sich neue Möglichkeiten zum Konsens, und der Geist der Zusammenarbeit, der den Fortschritt vorantrieb, drückte sich auch in den Mandaten aus, die bestimmten, mit der Rechtsprechung betrauten internationalen Institutionen übertragen wurden. Dieser zielgerichtete Beratungsprozess fand um die Jahrhundertwende seinen Höhepunkt im Millennium-Forum, einer Konferenz von Vertretern von über tausend Organisationen der Zivilgesellschaft aus mehr als hundert Ländern. Ihm folgte der Millenniumsgipfel, eine beispiellose Zusammenkunft politischer Führer der Welt, die zur Einigung über eine Reihe von Zielen führte, die ein gemeinsames Anliegen der Menschheit darstellen. Unter dem Begriff Millenniums-Entwicklungsziele wurden sie in den folgenden Jahren zu gemeinsamen Ausgangspunkten für kollektives Handeln. Diese verschiedenen Fortschritte sind – ungeachtet ihrer vielen Begrenzungen und Unvollkommenheiten und der schrecklichen Konflikte, die sich in dieser Zeit weiterhin ereigneten – dennoch Zeichen für ein weit verbreitetes, allmähliches, aber unaufhaltsames Heranwachsen eines globalen Bewusstseins der Völker der Erde und für ihr Hingezogensein zu universeller Gerechtigkeit, zu Solidarität, zu Zusammenarbeit, zu Mitgefühl und zu Gleichberechtigung.

Mit dem Beginn des gegenwärtigen Jahrhunderts zeichneten sich neue drohende Herausforderungen ab. Mit der Zeit verstärkten sich diese und führten zu einem Rückzug von den vielversprechenden Vorwärtsschritten, mit denen das vorige Jahrhundert geendet hatte. Heutzutage treiben viele, überall in den Gesellschaften vorherrschende Strömungen die Menschen auseinander, anstatt sie zusammenzuführen. Auch wenn die weltweite Armut in ihrer extremsten Form zurückgegangen ist, haben politische und wirtschaftliche Systeme die Anhäufung maßlosen, exorbitanten Reichtums seitens kleiner Seilschaften ermöglicht – eine Situation, die die fundamentale Instabilität im Weltgeschehen noch verschärft. Die Interaktionen zwischen dem einzelnen Bürger, den Regierungsinstitutionen und der Gesellschaft insgesamt sind oft angespannt, da diejenigen, die für den Vorrang des einen oder des anderen plädieren, immer mehr Unnachgiebigkeit in ihrem Denken zeigen. Religiöser Fundamentalismus verzerrt den Charakter von Gemeinschaften, ja sogar ganzer Nationen. Die Defizite so vieler Organisationen und Institutionen der Gesellschaft haben verständlicherweise zu einem Rückgang des öffentlichen Vertrauens geführt; dies wiederum ist systematisch von Interessengruppen ausgenutzt worden, die versuchen, die Glaubwürdigkeit aller Wissensquellen zu untergraben. Bestimmte gemeinsame ethische Prinzipien, die zu Beginn dieses Jahrhunderts auf dem Vormarsch zu sein schienen, werden ausgehöhlt und bedrohen den vorherrschenden Konsens über Recht und Unrecht, durch den es in verschiedenen Bereichen gelungen war, die niedersten Triebe des Menschen in Schach zu halten. Und der Wille, sich aktiv an internationalem kollektiven Handeln zu beteiligen – vor zwanzig Jahren eine mächtige Denkströmung unter führenden Politikern der Welt – wird durch den Angriff wiederauflebender Kräfte des Rassismus, des Nationalismus und der Fraktionsbildung stark geschwächt.

So sammeln sich die Kräfte der Desintegration neu und gewinnen an Boden. Wie dem auch sei, die Vereinigung der Menschheit ist durch keine menschliche Kraft aufzuhalten; die Verheißungen der früheren Propheten und des Urhebers der Sache Gottes Selbst bezeugen diese Wahrheit. Doch der Weg, den die Menschheit einschlägt, um ihre Bestimmung zu erreichen, kann sehr wohl verschlungen sein. Der von den streitenden Völkern der Erde erregte Tumult droht die Stimmen jener edelgesinnten Seelen in jeder Gesellschaft zu übertönen, die zu einem Ende von Konflikt und Kampf aufrufen. Solange dieser Aufruf unbeachtet bleibt, besteht kein Grund zu bezweifeln, dass sich der gegenwärtige Zustand der Unordnung und Verwirrung der Welt verschlimmern wird – möglicherweise mit katastrophalen Konsequenzen – bis eine geläuterte Menschheit die Notwendigkeit erkennt, einen weiteren bedeutsamen, vielleicht dieses Mal entscheidenden Schritt in Richtung eines dauerhaften Friedens zu tun.

*

Universeller Friede ist die Bestimmung, auf die sich die Menschheit über Jahrhunderte hinweg zubewegt – unter dem Einfluss des Wortes Gottes, das der Schöpfer Seinen Geschöpfen nach und nach übermittelt. Shoghi Effendi beschrieb das Voranschreiten der Menschheit auf dem Weg zu einer neuen, globalen Stufe in ihrem kollektiven Leben als eine gesellschaftliche Entwicklung, „eine Entwicklung, die ihren Uranfang in der Geburt des Familienlebens hat, deren weitere Entfaltung zur Stammeseinheit und zur Bildung des Stadtstaates führte, und die sich später zur Bildung unabhängiger, souveräner Nationen erweiterte“. Nun, mit dem Kommen Bahá’u’lláhs, steht die Menschheit an der Schwelle zu ihrer Reife. Die Einheit der Welt ist endlich möglich. Eine mit der Zustimmung der Menschheit die Nationen vereinende globale Ordnung ist die einzige angemessene Antwort auf die destabilisierenden Kräfte, die die Welt bedrohen.

Obgleich jedoch die Einheit der Welt möglich, ja unausweichlich ist, kann sie letztlich nicht erreicht werden ohne die vorbehaltlose Annahme der Einheit der Menschheit, die vom Hüter als „der Angelpunkt, um den alle Lehren Bahá’u’lláhs kreisen“, beschrieben wird. Mit welcher Einsicht und Eloquenz hat er die weitreichenden Implikationen dieses Kardinalprinzips beschrieben! Inmitten der Turbulenzen des Weltgeschehens sah er deutlich, wie die Tatsache, dass die Menschheit ein Volk ist, der Ausgangspunkt für eine neue Ordnung sein muss. Die umfangreichen und vielfältigen Beziehungen zwischen den Nationen und innerhalb derselben müssen alle in diesem Licht neu konzipiert werden.

Die Verwirklichung einer solchen Vision wird früher oder später von den Führern der Welt einen historischen Kraftakt der Staatskunst erfordern. Leider jedoch mangelt es immer noch an dem Willen, diesen Kraftakt in Angriff zu nehmen. Die Menschheit ist von einer Identitätskrise erfasst, nun, da verschiedene Völker und Gruppen darum ringen, sich selbst, ihren Platz in der Welt und wie sie handeln sollen zu definieren. Ohne die Vision einer gemeinsamen Identität und eines gemeinsamen Ziels verfangen sie sich in konkurrierende Ideologien und Machtkämpfe. Scheinbar unzählige Varianten von „wir“ und „ihr“ definieren Gruppenidentitäten immer enger und im Gegensatz zueinander. Im Laufe der Zeit hat diese Aufspaltung in auseinanderstrebende Interessengruppen den Zusammenhalt der Gesellschaft an sich geschwächt. Rivalisierende Vorstellungen von der Vorrangstellung eines bestimmten Volkes werden feilgeboten, wobei die Wahrheit ausgeklammert wird, dass sich die Menschheit auf einer gemeinsamen Reise befindet, auf der alle Akteure sind. Bedenken Sie, wie radikal sich solch eine fragmentierte Vorstellung von menschlicher Identität von derjenigen unterscheidet, die sich aus der Anerkennung der Einheit der Menschheit ergibt. Aus dieser Perspektive ist die Vielfalt, die die menschliche Familie kennzeichnet, ihr Reichtum, weit davon entfernt, ihrer Einheit zu widersprechen. Einheit im Bahá’í-Sinne schließt das grundlegende Konzept von Vielfalt ein und unterscheidet sich dadurch von Uniformität. Durch die Liebe zu allen Menschen und durch die Unterordnung nachrangiger Loyalitäten unter das Wohl der Menschheit kann die Einheit der Welt verwirklicht werden und die unendlichen Ausdrucksformen menschlicher Vielfalt finden ihre höchste Erfüllung.

Die Einheit zu fördern, indem unterschiedliche Elemente in Einklang gebracht werden und in jedem Herzen eine selbstlose Liebe für die Menschheit genährt wird, ist Aufgabe von Religion. Viele Möglichkeiten, Gemeinsinn und Eintracht zu kultivieren, stehen religiösen Führern offen. Aber dieselben Führer können auch zu Gewalt anstiften, indem sie ihren Einfluss nutzen, um das Feuer des Fanatismus und der Vorurteile zu schüren. Bahá’u’lláhs Worte über Religion sind hier sehr nachdrücklich: „... macht sie nicht“, so warnt Er, „zur Ursache von Zwietracht und Streit“. „Der Frieden aller Erdenbewohner ... [gehört] zu den Grundsätzen und Geboten Gottes.“

Es wird ein Herz, das die Liebe zur ganzen Menschheit in sich aufgenommen hat, sicherlich schmerzen, wenn es mit dem Leiden konfrontiert wird, das so viele aufgrund von Uneinigkeit erdulden müssen. Aber die Freunde Gottes können sich nicht von den zunehmenden Unruhen der sie umgebenden Gesellschaft abschotten; sie müssen sich zudem davor hüten, in deren Konflikte verwickelt zu werden oder in deren auf Gegnerschaft beruhenden Methoden hineingezogen zu werden. Ganz gleich, wie düster die Bedingungen zu einem bestimmten Zeitpunkt erscheinen mögen und wie trostlos die unmittelbaren Aussichten für die Verwirklichung der Einheit sind, gibt es dennoch keinen Grund zur Verzweiflung. Der besorgniserregende Zustand der Welt kann uns nur dazu anspornen, unser Engagement für konstruktives Handeln zu verdoppeln. „Dies sind keine Tage des Wohlergehens und des Triumphes“, mahnt Bahá’u’lláh. „Die ganze Menschheit ist von mannigfachen Krankheiten befallen. Bemüht euch darum, ihr durch die heilende Arznei, bereitet von der allmächtigen Hand des nie irrenden Arztes, das Leben zu retten.“

*

Die Errichtung des Friedens ist eine Pflicht, zu der die gesamte Menschheit aufgerufen ist. Die Verantwortung, die die Bahá’í tragen, diesen Prozess zu unterstützen, wird sich im Laufe der Zeit erweitern; aber sie waren niemals nur Zuschauer – sie tragen ihren Teil dazu bei, das Wirken der Kräfte zu unterstützen, die die Menschheit zur Einheit führen. Sie sind aufgerufen, wie Sauerteig für die Welt zu sein. Denken Sie über Bahá’u’lláhs Worte nach:

Fördert Wohlfahrt und Ruhe unter den Menschenkindern und richtet all euer Sinnen und Trachten auf die Erziehung der Völker auf Erden, damit die Zwietracht, die diese Erde spaltet, durch die Macht des Größten Namens von ihrem Angesicht getilgt und alle Menschen zu Verfechtern einer Ordnung und zu Bewohnern einer Stadt werden.

‘Abdu’l-Bahá betonte ebenfalls die Wichtigkeit des Beitrags, den die Bahá’í zur Errichtung des Weltfriedens leisten müssen:

Der Friede muss zuerst unter den einzelnen Menschen gestiftet werden, bis er schließlich zum Frieden unter den Nationen führt. O ihr Bahá’í! Strebt deshalb mit ganzer Kraft danach, durch die Macht des Gotteswortes echte Liebe, geistige Gemeinschaft und dauerhafte Bande zwischen den Menschen zu schaffen. Das ist eure Aufgabe.

Die Verheißung des Weltfriedens“, die Botschaft, die wir 1985 an die Völker der Welt richteten, beschrieb die Bahá’í-Perspektive zum Zustand der Welt und den Voraussetzungen für einen universellen Frieden. Auch bot sie die weltweite Bahá’í-Gemeinde als Studienmodell an, das die Hoffnung auf die Möglichkeit der Vereinigung der Menschheit bestärken könne. Jahr für Jahr verfeinern seither die Anhänger Bahá’u’lláhs dieses Modell geduldig und arbeiten mit anderen in ihrem Umfeld daran, ein auf Seinen Lehren basierendes System gesellschaftlicher Organisation aufzubauen und zu erweitern. Sie lernen, wie man Gemeinschaften fördert, die jene 1985 von uns beschriebenen Voraussetzungen für Frieden verkörpern. Sie kultivieren überall ein Umfeld, in dem Kinder frei von jeglicher Form von ethnischen, nationalen oder religiösen Vorurteilen aufwachsen können. Sie setzen sich für die volle Gleichstellung von Frauen und Männern in den Gemeindeangelegenheiten ein. Ihre Erziehungs- und Bildungsprogramme, die Wandel bewirken und sowohl die materiellen als auch die geistigen Aspekte des Lebens umfassen, heißen jeden willkommen, der zum Wohlergehen der Gemeinschaft beitragen möchte. In den ersten Regungen sozialen Handelns zeigt sich ihr Wunsch, die zahlreichen Leiden, von denen die Menschheit befallen ist, zu heilen und jeden Einzelnen zu befähigen, ein Protagonist beim Aufbau einer neuen Welt zu werden. Inspiriert vom Konzept des Mashriqu’l-Adhkár laden sie Anhänger aller Glaubensrichtungen und auch Menschen ohne religiöse Bindung zu ihren Andachtsversammlungen ein. Jugendliche, die sich durch ihr Engagement für eine auf Frieden und Gerechtigkeit gegründete Gesellschaft auszeichnen, laden gleichgesinnte Altersgenossen ein, am Aufbau von Gemeinden auf dieser Grundlage mitzuarbeiten. In der Institution des örtlichen Geistigen Rates finden sich die geistige Autorität und die administrative Fähigkeit, im Geiste des Dienens zu führen, Konflikte zu lösen und Einheit zu schaffen; der Wahlprozess, durch den die Geistigen Räte gebildet werden, ist in sich selbst Ausdruck des Friedens – im Gegensatz zu der die Wahlen in der vorherrschenden Gesellschaft oft begleitenden ätzenden Boshaftigkeit und sogar Gewalt. Mit inbegriffen in all diese Dimensionen einer offenen, expandierenden Gemeinschaft ist die grundlegende Erkenntnis, dass alle Menschen die Kinder eines Schöpfers sind.

Die Freunde entwickeln auch ihre Fähigkeit, mit Menschen um sie herum – unabhängig von ihrem Glauben, ihrer Kultur, ihrer sozialen Schicht oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit – darüber ins Gespräch zu kommen, wie durch die systematische Anwendung der göttlichen Lehren geistiges und materielles Wohlergehen herbeigeführt werden kann. Ein erfreuliches Ergebnis dieser wachsenden Fähigkeit ist die Tatsache, dass die Gemeinde jetzt besser in der Lage ist, bedeutsame Beiträge zu verschiedenen wichtigen, derzeit in der Gesellschaft vorherrschenden Diskursen zu leisten; in einigen Ländern zeigen Führungspersönlichkeiten und Denker, die sich den Herausforderungen ihrer Gesellschaft stellen wollen, zunehmend Wertschätzung für die von den Bahá’í eingebrachten Sichtweisen. Diese Beiträge bringen Erkenntnisse aus Bahá’u’lláhs Offenbarung zum Ausdruck, greifen zurück auf die von den Gläubigen auf der ganzen Welt gewonnenen Erfahrungen und zielen darauf ab, die Diskussion über die Schärfe und Streitereien hinauszuheben, die so oft verhindern, dass gesellschaftliche Diskurse vorankommen. Darüber hinaus gewinnen die von den Bahá’í vorgebrachten Ideen und Gedankengänge durch die von ihnen praktizierte Beratung an Stärke. Sensibilisiert für die Bedeutung von Harmonie und die Fruchtlosigkeit von Konflikten, bemühen sich die Anhänger Bahá’u’lláhs darum, die Bedingungen zu schaffen, die jeweils dem Entstehen von Einheit am ehesten förderlich sind. Wir sind hocherfreut zu sehen, wie die Gläubigen ihre Bemühungen zur Teilnahme an den Diskursen der Gesellschaft erweitern – insbesondere diejenigen Freunde, die in ihrer beruflichen Funktion zu Diskursen beitragen können, die in direktem Zusammenhang zum Frieden stehen.

*

Für die Bahá’í ist das Erreichen des Friedens nicht einfach ein Ziel, mit dem sie sympathisieren oder das ihre anderen Bestrebungen ergänzt – es ist und war ihnen immer ein zentrales Anliegen. In einem zweiten Brief, den ‘Abdu’l-Bahá an die Zentralorganisation für einen dauerhaften Frieden in Den Haag richtete, erklärte Er, dass sich „unser Wunsch nach Frieden nicht nur vom Intellekt herleitet: Er ist eine religiöse Glaubensfrage und eine der ewigen Grundlagen des Glaubens Gottes.“ Weiterhin stellte Er fest, dass es für die Verwirklichung des Friedens in der Welt nicht ausreiche, die Menschen über die Schrecken des Krieges zu informieren:

Heute werden die Wohltaten universellen Friedens von den Menschen anerkannt, und ebenso sind die schädlichen Auswirkungen des Krieges für alle klar und offenkundig. Aber hier reicht Wissen allein nicht aus: Es bedarf der Kraft zur Umsetzung, um ihn auf der ganzen Welt zu errichten.

„Wir sind fest davon überzeugt“, fuhr Er fort, „dass die Kraft zur Umsetzung in diesem großen Unterfangen der durchdringende Einfluss des Wortes Gottes ist sowie die Bestätigungen des Heiligen Geistes.“

Gewiss kann also niemand, der sich des Zustands der Welt bewusst ist, umhin, das Beste für dieses Unterfangen zu geben und nach diesen Bestätigungen zu suchen – Bestätigungen, die auch wir in Ihrem Namen an der Heiligen Schwelle ernstlich erflehen. Geliebte Freunde: Die hingebungsvollen Bemühungen, die Sie und Ihre gleichgesinnten Mitgestalter unternehmen, um auf geistige Prinzipien gegründete Gemeinden aufzubauen, um diese Prinzipien zur Besserung Ihrer jeweiligen Gesellschaft anzuwenden und um die daraus resultierenden Erkenntnisse anzubieten, sind der sicherste Weg, mittels dessen Sie die Erfüllung der Verheißung des Weltfriedens beschleunigen können.

[gez. Das Universale Haus der Gerechtigkeit]

 

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Helmut Winkelbach, Bahá’í Gemeinde Erfurt

Über den Autor

Helmut Winkelbach, Bahá’í Gemeinde Erfurt

Helmut, Sekretär und Webmaster der Gemeinde, hatte 1970 den ersten Kontakt mit der Bahá'í-Religion und erklärte sich 1974 zum Bahá'í-Glauben. Über 30 Jahre lebte Helmut in Belarus und half dort die Bahá'í-Gemeinde mit aufzubauen. Seit 2014 lebt er mit seiner Familie in Erfurt. Der interreligiöse Bereich und die Förderung der jungen Generation sind besondere Anliegen von Helmut.

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