Was sagen Bahá'ís über die Einheit der Religion?

Hilft uns das Verständnis der Bahá'í über die Einheit der Religion?

Die Einheit der Religion ist eng mit dem Prinzip der Einheit der Menschheit verbunden. Unser Verständnis des Konzepts der organischen Einheit der menschlichen Rasse hat gezeigt, dass sich die Menschheit in einem kollektiven Wachstumsprozess befindet, der dem Wachstumsprozess eines Individuums recht ähnlich ist: So wie der Einzelne als hilfloser Säugling das Leben beginnt und in aufeinanderfolgenden Phasen die Reife erlangt, so begann die Menschheit ihr kollektives soziales Leben in einem primitiven Stadium und erlangte allmählich Reife. Im Falle des Individuums ist es klar, dass seine Entwicklung als Ergebnis der Erziehung erfolgt, die er von seinen Eltern, seinen Lehrer/inne/n und der Gesellschaft im Allgemeinen erhält. Aber was ist die treibende Kraft in der kollektiven Entwicklung der Menschheit?

Die Antwort, die der Bahá'í-Glaube auf diese Frage gibt, ist "offenbarte Religion". In einem seiner Hauptwerke, dem 'Kitáb-i-Íqán' (das 'Buch der Gewissheit'), erklärte Bahá’u’lláh, dass Gott, der Schöpfer, durch ausgewählte Sprecher oder Boten in die Menschheitsgeschichte eingegriffen hat und weiter eingreifen wird. Diese Boten, die Bahá’u’lláh als "Manifestationen Gottes" bezeichnete, sind in erster Linie die Begründer der großen offenbarten Religionen wie Moses, Buddha, Jesus, Muhammad und so weiter. Es ist der Geist, der durch das Kommen dieser Manifestationen freigesetzt wird, zusammen mit dem Einfluss von Geboten, die es der Menschheit ermöglichen, in ihrer kollektiven Evolution voranzukommen. Einfach ausgedrückt: Die Manifestationen Gottes sind die wichtigsten Erzieher der Menschheit.

»Das Ziel der Religion, wie sie vom Himmel des heiligen Willens Gottes offenbart ist, besteht darin, Einheit und Eintracht unter den Völkern der Welt zu stiften; macht sie nicht zur Ursache für Zwist und Streit.«

(Bahá’u’lláh, 'Botschaften aus ‘Akká')

Das Errichten einer globalen, auf Zusammenarbeit, Gegenseitigkeit und wahrer Besorgnis um Andere basierenden Gesellschaft ist der höchste Ausdruck vereinten Handelns. Kurz gesagt: die grundlegenden geistigen Werte, welche den Weltreligionen gemeinsam sind, enthalten die fundamentalen Mittel für die Versöhnung und Weiterentwicklung der Völker der Erde.

In Bezug auf die verschiedenen religiösen Systeme, die in der Menschheitsgeschichte aufgetreten sind, schrieb Bahá’u’lláh:

»Diese Grundsätze und Gesetze, diese festgefügten und mächtigen Glaubenssysteme gingen alle aus einer Quelle hervor und sind die Strahlen eines Lichtes. Wenn sie sich voneinander unterscheiden, so ist dies den wechselnden Erfordernissen der Zeitalter zuzuschreiben, in denen sie verkündet wurden.«

(Bahá’u’lláh, 'Brief an den Sohn des Wolfes')

So bedeutet das Prinzip der Einheit der Religion, dass alle großen Religionsstifter - die Manifestationen - von Gott gekommen sind, durch einen einzigen göttlichen Plan, der von Gott gelenkt wird.

In Wirklichkeit gibt es nur eine Religion: die Religion Gottes. Diese eine Religion entwickelt sich ständig weiter, und jedes einzelne religiöse System stellt eine Stufe in der Entwicklung des Ganzen dar. Der Bahá'í-Glaube repräsentiert die gegenwärtige Stufe in der Evolution der Religion.

Um die Idee zu betonen, dass alle Lehren und Handlungen der Manifestationen von Gott gelenkt werden und nicht aus natürlichen, menschlichen Quellen stammen, benutzte Bahá’u’lláh den Begriff "Offenbarung" - um so das Phänomen zu beschreiben, welches jedes Mal auftritt, wenn eine Manifestation erscheint. Insbesondere die Schriften der Manifestationen stellen das unfehlbare Wort Gottes dar. Da diese Schriften noch lange nach Beendigung des irdischen Lebens der Manifestationen bestehen bleiben, stellen sie einen besonders wichtigen Teil des Phänomens der Offenbarung dar. Das ist so sehr der Fall, dass der Begriff "Offenbarung" manchmal in einem eingeschränkten Sinn verwendet wird, um sich auf die Schriften und Worte der Manifestationen zu beziehen.

»Alle Propheten Gottes«, bekräftigt Bahá’u’lláh im Kitáb-i-Íqán, »wohnen im selben Tabernakel, schweben im selben Himmel, sitzen auf demselben Thron, sprechen dieselbe Sprache und verkünden denselben Glauben«. Von dem »Anfang an, der keinen Anfang hat«, haben diese Vertreter der Einheit Gottes, diese Kanäle Seiner fortgesetzten Äußerung, das Licht der unsichtbaren Schönheit auf die Menschheit ergossen, und bis zum »Ende, das kein Ende hat«, werden sie fortfahren, neue Offenbarungen Seiner Macht und zusätzliche Erfahrungen Seiner unbegreiflichen Herrlichkeit darzureichen. Die Behauptung, eine bestimmte Religion sei endgültig, »alle Offenbarung sei beendet, die Tore göttlicher Gnade seien geschlossen, vom Dämmerort ewiger Heiligkeit gehe keine Sonne mehr auf, das Weltmeer immerwährenden Segens ruhe für immer still und aus dem Tabernakel altehrwürdiger Herrlichkeit werden keine Boten Gottes mehr offenbar«, wäre in der Tat nichts Geringeres als schiere Gotteslästerung.«

(Shoghi Effendi, 'Die WeltordnungBahá’u’lláhs')

Religionsgeschichte wird auch als eine Abfolge von Offenbarungen Gottes gesehen, und der Begriff "fortschreitende Offenbarung" wird zur Beschreibung dieses Prozesses verwendet. Für Bahá'í ist also fortschreitende Gottes-Offenbarung die Triebkraft des menschlichen Fortschritts, und die Manifestation Bahá’u’lláh ist der jüngste Offenbarungsakt.

»Wisse mit Sicherheit«, lehrt Bahá’u’lláh, »dass in jeder Sendung das Licht göttlicher Offenbarung den Menschen in unmittelbarem Verhältnis zu ihrer geistigen Fassungskraft dargereicht wird. Betrachte die Sonne! Wie schwach sind ihre Strahlen in dem Augenblick, da sie am Horizont aufgeht. Wie nehmen ihre Wärme und Kraft allmählich zu, während sie sich dem Zenit nähert und unterdessen alles Erschaffene befähigt, sich der zunehmenden Stärke ihres Lichtes anzupassen. Wie gleichmäßig nimmt sie wieder ab, bis sie den Punkt ihres Untergangs erreicht. Würde sie plötzlich alle in ihr verborgenen Kräfte offenbaren, so würde dies zweifellos allem Erschaffenen Schaden zufügen … Wenn nun die Sonne der Wahrheit in den frühesten Graden ihrer Offenbarung plötzlich das volle Maß der Kräfte, die ihr die Vorsehung des Allmächtigen verliehen hat, enthüllte, würde die Erde menschlichen Begreifens verdorren und vergehen, denn die Menschenherzen würden weder die Stärke ihrer Offenbarung ertragen noch fähig sein, den Glanz ihres Lichtes weiter zu spiegeln. Bestürzt und überwältigt würden sie aufhören zu bestehen.«

(Shoghi Effendi, 'Die WeltordnungBahá’u’lláhs')

Um das Religionskonzept der Bahá'í deutlicher in den Mittelpunkt zu rücken, wollen wir es mit einigen anderen Betrachtungsweisen von Religion vergleichen. Auf der einen Seite steht die Ansicht, dass die verschiedenen religiösen Systeme aus dem menschlichen Streben nach Wahrheit resultieren. In dieser Auffassung offenbaren uns die Begründer der großen Religionen nicht Gott, sondern sind vielmehr Philosophen oder Denker, Menschen, die bei der Entdeckung der Wahrheit vielleicht weiter fortgeschritten sind als andere. Diese Vorstellung schließt die Idee einer grundlegenden Einheit der Religion manchmal aus, da die verschiedenen religiösen Systeme als Vertreter unterschiedlicher Meinungen und Überzeugungen angesehen werden, die von fehlbaren menschlichen Wesen erreicht wurden, und nicht als unfehlbare Offenbarungen der Wahrheit aus einer einzigen Quelle.

Viele orthodoxe Anhänger verschiedener religiöser Traditionen argumentieren dagegen, dass der Prophet oder Stifter ihrer jeweiligen Tradition eine wahre Offenbarung Gottes an die Menschheit darstellt, die anderen religiösen Gründer jedoch falsche Propheten oder zumindest dem Stifter der betreffenden Tradition wesentlich unterlegen sind. Zum Beispiel glauben viele Juden, dass Moses ein wahrer Gesandter Gottes war, Jesus aber nicht. In ähnlicher Weise glauben viele Christen an die Offenbarung Jesu, sind aber der Ansicht, dass Muhammad ein falscher Prophet war - und sind außerdem der Ansicht, dass Moses Christus im Status unterlegen war.

»… die Sonnen der Wahrheit und die Spiegel des Lichtes göttlicher Einheit«, so erklärt Bahá’u’lláh im Kitáb-i-Íqán, sind »unwandelbar mit allbezwingender Macht versehen und mit unbesiegbarer Souveränität bekleidet […], in welchem Zeitalter und Zyklus sie auch aus den unsichtbaren Wohnstätten altehrwürdiger Herrlichkeit in diese Welt herabgesandt wurden, um die Menschenseelen zu erziehen und allen erschaffenen Dingen Gnade zu erweisen. … Diese geheiligten Spiegel, diese Aufgangsorte altehrwürdiger Herrlichkeit sind allesamt auf Erden die Vertreter Dessen, der innerster Kern, reinstes Wesen und letztes Ziel des Weltalls ist. Von Ihm geht ihre Erkenntnis und Macht aus, von Ihm leitet sich ihre Souveränität ab. Die Schönheit ihres Antlitzes ist nur eine Widerspiegelung Seines Bildes, ihre Offenbarung ein Zeichen Seiner unsterblichen Herrlichkeit. … Durch sie wird eine Gnade vermittelt, die unendlich ist, und durch sie wird das Licht enthüllt, das nimmer verlöschen kann. … Die menschliche Zunge kann niemals angemessen ihren Lobpreis singen, menschliche Rede nie ihr Mysterium enthüllen.«

»Da diese Vögel des himmlischen Thrones«, so ergänzt Er, »alle aus dem Himmel des Willens Gottes herabgesandt sind, da sie alle sich erheben, Seinen unwiderstehlichen Glauben zu verkünden, sind sie wie eine Seele und ein Wesen anzusehen. …[du wirst erkennen, dass] sie alle im selben Heiligtum wohnen, sich zum selben Himmel aufschwingen, auf demselben Throne sitzen, dieselbe Sprache sprechen und denselben Glauben verkünden. … Sie unterscheiden sich nur in der Stärke ihrer Offenbarung und in der Wirkkraft ihres Lichtes. … Dass eine bestimmte Eigenschaft Gottes durch diese Wesen der Loslösung nach außen hin nicht offenbart wurde, besagt keineswegs, dass sie, die Morgenröten der Attribute Gottes und Schatzkammern Seiner heiligen Namen, diese nicht wirklich besessen hätten.«

(Shoghi Effendi, 'Die Weltordnung Bahá’u’lláhs')

Das Bahá'í-Prinzip der Einheit der Religion unterscheidet sich grundlegend von diesen beiden traditionellen Konzepten. Bahá’u’lláh führte die Unterschiede in einigen Lehren der großen Religionen nicht auf irgendeine menschliche Fehlbarkeit der Gründer zurück, sondern vielmehr auf die unterschiedlichen Anforderungen der Zeitalter, in denen die Offenbarungen stattfanden. Außerdem beschrieb er, dass durch die Verfälschung von Texten und die Hinzufügung fremder Ideen viel menschliches Versagen in die Religion eingeführt worden sei. Darüber hinaus sind die Bahá'í der Ansicht, dass keiner der Stifter dem anderen überlegen ist.

Shoghi Effendi hat diese Ansicht in den folgenden Worten zusammengefasst:

»Bahá’u’lláhs Offenbarung ist weder eklektisch in der Darlegung ihrer Wahrheiten noch anmaßend in der Bekräftigung ihres Anspruchs. Ihre Lehren drehen sich um den Leit- und Grundsatz, dass religiöse Wahrheit nicht absolut, sondern relativ, göttliche Offenbarung fortschreitend und nicht endgültig ist. Unzweideutig, ohne den geringsten Vorbehalt bekennt sie, dass alle anerkannten Religionen göttlich im Ursprung, identisch in ihren Zielen, einander ergänzend in ihren Aufgaben, kontinuierlich in ihrer Zielsetzung und unabdingbar in ihrem Wert für die Menschheit sind.«

(Shoghi Effendi, 'Die Weltordnung Bahá’u’lláhs')

 

Siehe auch: Wie unterscheiden sich die großen Religionen?

Das Prinzip der Einheit

 

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