Vier geistige Eigenschaften und das Bahá'í-Fasten

4 Dinge, welche uns helfen gestärkt und frohen Mutes durch die Fastenzeit zu kommen!

Während ich an dieser besonderen Zeit des Bahá'í-Jahres teilnehme und mich mit anderen Bahá'í auf der ganzen Welt in der Fastenzeit verbinde, habe ich darüber nachgedacht, was ich im Laufe der Jahre aus dem Fasten gelernt habe. Wahrscheinlich ist die Hauptsache, die mir in den Sinn kommt, dass ich jetzt, obwohl ich in den letzten 40 Jahren jedes Jahr versucht habe zu fasten, wohl nie vollkommen gefastet habe.

Es ist gar nicht so einfach, aber vielleicht ist das der Punkt. Wir haben mehr oder weniger jedes Mal andere Umstände oder Herausforderungen. Dadurch haben wir möglicherweise viele besondere Gelegenheiten uns selbst jedes Mal neu auszuprobieren, was uns hilft zu wachsen und uns zu vollkommeneren Menschen zu entwickeln, was wir als Bahá'í sowieso jeden Tag anstreben sollten.

Bahá'u'lláh hatte im 'Kitáb-i-Aqdas' bestimmt:

»Wir haben euch geboten, vom Reifealter (15 Jahre) an zu beten und zu fasten. Dies ist von Gott, eurem Herrn und dem Herrn eurer Väter verordnet. Als Gnadengabe aus Seiner Gegenwart hat Er jene ausgenommen, die schwach sind durch Krankheit oder Alter, und Er ist der Vergebende, der Großmütige ... Für eine kurze Zeit haben Wir euch das Fasten zur Pflicht gemacht und an dessen Ende euch Naw-Rúz als Fest bestimmt ... Wer reist, schwanger ist oder stillt, ist nicht an das Fasten gebunden. Enthaltet euch der Speise und des Tranks von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und gebt acht, dass Gier euch nicht dieser Gnade beraube, die im Buche bestimmt ist.«

Also möchte ich gar nicht, dass es einfacher wird, weil ich mich nicht "dieser Gnade" berauben möchte.

Ich hörte einmal jemanden sagen: "Der größte Nachteil des Fastens ist, dass es einen schwach macht." Ja, das ist fast witzig, ich verstehe es, aber bei allem Ernst, dieser Punkt "Schwäche und Fasten" ist eine großartige Gelegenheit für uns, die Fastenzeit als Gelegenheit zu nutzen unsere geistigen Eigenschaften ("unsere spirituellen oder geistigen Muskeln") tatsächlich zu trainieren und zu stärken. Es macht keinen Sinn, darüber nachzudenken und darüber zu reden, wie wir an Eigenschaften wie "Loslösung" oder "Demut" arbeiten und diese entwickeln können, wenn wir uns nicht in realen, alltäglichen Situationen, wie dem Fasten, bewähren.

Bahá'u'lláh sagt in der 'Ährenlese':

»Es ist die Pflicht eines jeden Menschen mit Einsicht und Verständnis, danach zu streben, das hier Niedergeschriebene in die Wirklichkeit und die Tat umzusetzen ...«  

Wenn wir erschöpft, durstig und hungrig sind, wird es oft schnell klar, an welchen Mängeln oder Attributen wir arbeiten müssen, und wir können das Fasten als eine Zeitperiode betrachten, in der wir 19 Tage lang die Gelegenheit dazu haben durchzustarten um die Stärkung unserer "spirituellen Muskeln" in einer konzentrierteren und intensiveren Art und Weise zu erreichen.

Ich dachte, es wäre interessant, über nur vier der "spirituellen Eigenschaften" nachzudenken, bei welchen mir das Fasten geholfen hat, und ich bin mir sicher, dass viele von euch sich auch mit diesen Eigenschaften identifizieren können.

1. Disziplin

Oh ja, daran besteht kein Zweifel! Wir müssen zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang Speise und Trank entsagen, während wir unser tägliches Leben fortsetzen und sicherstellen sollten, dass wir jeden Tag vor Sonnenaufgang aufstehen, um unsere Gebete zu sprechen und Zeit zu haben um zu essen, das kann schwierig sein. Aber wie das Sprichwort schon sagt "Ohne Fleiß kein Preis".

Bahá'u'lláh erklärt klar:

»Fasten ist äußerlich betrachtet schwierig und mühsam, doch in Wirklichkeit ist es eine Gnade und führt zu innerer Ruhe. Läuterung und Erziehung sind nur die Folgen solcher Exerzitien, die dem Buche Gottes entsprechen und durch das göttliche Gesetz bestätigt wurden ... Was immer Gott offenbarte, entspricht der Seele.«

Abdu'l-Bahá schreibt hierzu:

»Die Weisheit des Gebetes besteht darin, dass es eine Verbindung zwischen dem Diener und dem Einen Wahren schafft, denn im Gebet wendet der Mensch sein Antlitz mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele der Erhabenheit des Allmächtigen zu, … Überdies macht Beten und Fasten wachsam und achtsam und führt zu Schutz und Bewahrung vor Prüfungen.«

Wir befinden uns dadurch sozusagen in einem Schutzmantel, das gibt mir Vertrauen und Mut für die weiteren Fastentage.

Im Buch 'Abdu'l-Bahá in London' erklärte Er:

»Seele und Geist des Menschen schreiten fort, wenn er von Leid heimgesucht wird. Je tiefer der Boden gepflügt wird, desto besser wird der Same sprießen und umso reicher die Ernte ausfallen. So wie der Pflug eine tiefe Furche zieht und die Erde von Unkraut und Disteln säubert, so reinigen Leid und Trübsal den Menschen von den Belanglosigkeiten dieses irdischen Lebens, bis er den Zustand völliger Loslösung erreicht. Sein Lebensgefühl hinieden wird dann von göttlicher Glückseligkeit geprägt sein. Man könnte sagen, der Mensch ist unreif; die Hitze des Leidensfeuers wird ihn reifen lassen. Blickt zurück in die Vergangenheit, und ihr werdet sehen, dass die größten Menschen am meisten gelitten haben.«

2. Loslösung

Das Fasten hilft uns definitiv, Loslösung zu üben, egal ob wir reich oder arm sind oder irgendwo dazwischen. Anhaftung ist etwas, von dem wir alle geprüft werden. Abdu'l-Bahá erklärt dies im folgenden Zitat aus 'Ansprachen in Paris':

»Unser größtes Bemühen muss auf die Loslösung von den Dingen dieser Welt gerichtet sein. Wir müssen danach streben, geistiger und strahlender zu werden, den Rat der göttlichen Lehre zu befolgen, uns dem Dienste der Sache der Einigkeit und wahren Gleichheit zu ergeben, Barmherzigkeit zu üben und die Liebe des Höchsten auf alle Menschen auszustrahlen, auf dass das Licht des Geistes in allen unseren Taten sichtbar und die ganze Menschheit dadurch vereinigt werde, damit sich ihr stürmisches Meer beruhigt und alle rauhen Wogen von der hinfort stillen und friedlichen Oberfläche der See des Lebens schwinden mögen. Dann wird die Menschheit das Neue Jerusalem erschauen, durch seine Pforten treten und die Gottesgabe empfangen.«

Und wieder drückt Abdu'l-Bahá in 'Briefe und Botschaften' die Bedeutung der Loslösung in einem Gebet aus:

»O Gott, mein Gott! Fülle mir den Kelch völliger Loslösung, und umgeben von Deinen herrlichen Gaben, erfreue mich mit dem Wein der Liebe zu Dir. Befreie mich vom Angriff der Leidenschaft und Begierde und löse mich aus den Fesseln der niederen Welt.«

3. Dankbarkeit und Dienstbarkeit

Oh, wie gut fühlt es sich an, etwas Wasser zu trinken und nach einem Fastentag eine Mahlzeit zu genießen! Selbst etwas einfaches, für das man normalerweise nicht viel übrig hat, schmeckt besonders gut!

Das Fasten hilft uns definitiv, ein Gefühl der Dankbarkeit für das zu haben, was wir oft für selbstverständlich halten, und es hilft uns, mitfühlender gegenüber denen zu sein, die ohne solch eine regelmäßige Mahlzeit sind.

Bahá'u'lláh schrieb:

»Aller Lobpreis sei dem einen wahren Gott, der Seine Geliebten befähigte das Fasten einzuhalten und ihnen half, zu erfüllen was im Buche bestimmt ward.«

Und dankbar zu sein, hat auch positive Konsequenzen, wie zahlreiche Studien gezeigt haben, dass nämlich ein Gefühl der Dankbarkeit ein Verhalten des Gebens fördert und erzeugt. Es gibt auch eine Reihe von Studien, die darauf hinweisen, dass ein Gefühl der Dankbarkeit sogar unsere körperliche Gesundheit positiv beeinflusst.

Bahá'u'lláh sagt hierzu:

»Selig ist, wessen Liebe durch die Inbrunst des Fastens wächst und wer sich mit strahlender Freude erhebt, um würdige Taten zu vollbringen.«

4. Demut

Bahá'u'lláh betont in der 'Ährenlese' die Wichtigkeit von Demut:

»Wo immer die Geliebten Gottes sich versammeln und wem immer sie begegnen, sie müssen in ihrer Haltung vor Gott und in der Art, wie sie Seinen Ruhm und Seine Ehre preisen, solche Demut und Ergebenheit zeigen, dass jedes Staubatom unter ihren Füßen die Tiefe ihrer Ergebenheit bezeugt.«

Meiner Meinung nach lernen wir beim Fasten ein Gefühl der Demut auf zwei Arten:

Vor allem erinnert uns das Fasten daran, wie verletzlich und schwach wir als Menschen sind. Die Menschheit ist so weit gekommen und hat technologisch und auf viele andere Arten Fortschritte gemacht. Wir haben gelernt, uns die Erde und unsere Umwelt zu unterwerfen, sie uns Untertan zu machen. Manchmal ist es ziemlich einfach, den Schöpfer zu vergessen und wie verletzlich wir tatsächlich sind. Durch das Fasten sind unsere Schwachstellen jedoch offen gelegt und können uns wirklich in die Knie zwingen und uns schnell daran erinnern, wie unbedeutend und verletzlich wir tatsächlich sind.

Bahá'u'lláh schrieb in 'Botschaften aus ‘Akká':

»Demut erhebt den Menschen zum Himmel des Ruhmes und der Macht, Stolz dagegen erniedrigt ihn zu Schmach und Schande.«

Zweitens: manchmal während des Fastens, erwische ich mich dabei, in einen Geisteszustand zu verfallen, in dem ich mich entweder selbst bemitleide, und in einem gewissen Sinn beginne mich selbst als Opfer zu sehen, weil ich nicht essen und trinken kann wie alle anderen es können. Ich fühle mich auch manchmal ganz im Gegenteil überlegen, wenn ich anfange, mich auf die Tatsache zu stürzen, dass ich so stark bin, weil ich auf Essen und Trinken verzichte, während alle um mich herum es konsumieren. Erbärmlich, ich weiß, aber es wird verstärkt, wenn alle sagen: "Oh, ich weiß nicht, wie du es packst! Das könnte ich nie tun! Du bist wirklich stark!" Beide gehen natürlich gegen den Geist des Fastens und beziehen sich auf das Ego.

Shoghi Effendi erklärt das Ego als:

»... Das andere Selbst ist die Ichhaftigkeit, das dunkle triebhafte Erbe, das jeder von uns hat, die niedere Natur, die zu einem Ungeheuer von Selbstsucht, Brutalität, Lust usw. auswachsen kann. Dieses Selbst - oder diese Seite unserer Natur - ist es, gegen das wir ankämpfen müssen, um das geistige Wesen in uns zu kräftigen und zu befreien und ihm zu helfen, seine Vollkommenheit zu erlangen.....« (Aus einem Brief, im Auftrag von Shoghi Effendi an einen einzelnen Gläubigen geschrieben, 10. Dezember 1947)

Fasten gibt uns die Möglichkeit vom Ego abzurücken und unsere geistigen Eigenschaften zu stärken. Ich weiß, dass es noch viele weitere Tugenden gibt, bei denen das Fasten hilft, und es wäre großartig, davon zu hören, wie euch das Fasten in dieser Hinsicht persönlich geholfen hat. Gerne könnt ihr weiter unten einen "Kommentar" schreiben und mit uns eure Erfahrungen teilen.

Ich möchte mich mit diesem wundervollen Zitat aus einem Gebet Bahá'u'lláhs verabschieden:

»Dies sind die Tage, o mein Herr, da Du Deinen Dienern das Fasten gebotest. Selig ist, wer das Fasten einhält ganz um Deinetwillen und in völliger Loslösung von allem außer Dir. Hilf mir und hilf ihnen, o mein Herr, Dir zu gehorchen und Deine Gebote zu halten. Du hast wahrlich die Macht zu tun, was Du willst.«

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Helmut Winkelbach, Bahá’í Gemeinde Erfurt

Über den Autor

Helmut Winkelbach, Bahá’í Gemeinde Erfurt

Helmut, Sekretär und Webmaster der Gemeinde, hatte 1970 den ersten Kontakt mit der Bahá'í-Religion und erklärte sich 1974 zum Bahá'í-Glauben. Über 30 Jahre lebte Helmut in Belarus und half dort die Bahá'í-Gemeinde mit aufzubauen. Seit 2014 lebt er mit seiner Familie in Erfurt. Der interreligiöse Bereich und die Förderung der jungen Generation sind besondere Anliegen von Helmut.

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