Leben in einer sich schnell verändernden Gesellschaft

Leben in einer sich schnell verändernden Gesellschaft: die Menschheit an der Schwelle zur Reife

Wenn wir sehen, wie schnell sich die Zeiten verändern, sollten wir uns vielleicht verschiedene Fragen stellen:

Was ist die Natur der großen Transformation, die in der menschlichen Gesellschaft stattfindet? Was sind die grundlegenden Konzepte, die uns helfen können, die Bedeutung der Zeiten zu verstehen, in denen wir leben? Was sind einige der großen Kräfte, die in dieser entscheidenden Phase der menschlichen Evolution in der Gesellschaft wirken?

Das Universale Haus der Gerechtigkeit schrieb in Seiner 'Ridván- Botschaft 2018':

»Eine neue Lebendigkeit entsteht in einer Bevölkerung, die Verantwortung für ihre eigene Entwicklung übernimmt, und die Menschen bauen Immunität gegenüber jenen gesellschaftlichen Kräften auf, die zu Passivität führen. Möglichkeiten für materiellen und geistigen Fortschritt nehmen Gestalt an. Die gesellschaftliche Realität beginnt sich zu verändern.«

Ein sehr auffälliges Merkmal unserer Zeit ist die beschleunigte Geschwindigkeit, mit der Veränderungen auftreten. Das Ausmaß und die Geschwindigkeit der Veränderungen, die die Menschheit in den vergangenen eineinhalb Jahrhunderten durchgemacht hat, waren in unserer Geschichte beispiellos. In jedem Bereich menschlicher Bemühungen wird viel neues Wissen erzeugt und alte Praktiken werden nacheinander abgelehnt. An dieser Stelle kann niemand bestreiten, dass die Gesellschaft in all ihren sozialen, wirtschaftlichen, politischen, religiösen und kulturellen Aspekten einen grundlegenden Transformationsprozess durchläuft.

Das Universalen Hauses der Gerechtigkeit schrieb in Seiner 'Ridván- Botschaft 2015' hierzu folgendes:

»Wohlmeinenden Führern von Nationen und Menschen guten Willens bleibt nichts anderes übrig, als sich abzumühen, die unübersehbaren Risse in der Gesellschaft zu flicken, machtlos, deren Ausbreitung zu verhindern. Die Auswirkungen all dessen sind nicht nur in offenen Konflikten oder einem Zusammenbruch der Ordnung zu sehen. Das Misstrauen, das Nachbarn gegen Nachbarn aufbringt und Familienbande zerreißt, die Feindseligkeit, die vielfach als gesellschaftlicher Diskurs gilt, die Beiläufigkeit, mit der an unedle menschliche Motive appelliert wird, nur um Macht zu gewinnen und Reichtum anzuhäufen – all dies birgt untrügliche Zeichen dafür, dass die sittlichen Kräfte, die die Gesellschaft zusammenhalten, ernstlich erschöpft sind.«

In den vergangenen anderthalb Jahrhunderten hat jedes Land und jede Region der Welt gesehen, wie alte Strukturen durch radikale Reformen oder Revolutionen hinweggefegt wurden. Die Ideale, die diese absichtlichen, manchmal gewalttätigen Versuche, die Gesellschaft zu verändern, motivieren, waren oft äußerst edel und lobenswert.

Es ist jedoch eine historische Tatsache, dass diese Versuche im Großen und Ganzen versäumt haben, einen allgemeinen Sinn für das Ziel, die Werte und Verhaltensstandards, die für die Schaffung einer neuen Gesellschaft wesentlich sind, zu erzeugen. Seit Jahrzehnten lebt die Menschheit in einer Krise, die sich fast täglich zu vertiefen scheint. Inmitten all dieser Krisen hören wir natürlich oft die Stimmen von Traditionalisten, von denen, welche die Vergangenheit romantisieren und uns auffordern, zu unseren alten Wegen zurückzukehren. Tatsache ist jedoch, dass eine Rückkehr zu den Standards der Vergangenheit nicht möglich ist, denn die in dieser Zeit freigesetzten Kräfte haben einen Prozess der Transformation in Gang gesetzt, der eindeutig irreversibel ist. Die unvermeidliche Schlussfolgerung, die wir bei der Betrachtung der modernen Geschichte ziehen, ist, dass sich alte moralische Werte und Glaubenssysteme bei den Herausforderungen einer Transformationszeit als völlig unzureichend erwiesen haben.

Während des Zyklus des menschlichen Lebens durchläuft ein Individuum die Stadien des Kleinkindes, der Kindheit und Jugend, bevor es den Übergang ins Erwachsenenalter erreicht. Wir erlangen eine große Klarheit über die Bedeutung unserer Zeit, wenn wir akzeptieren, dass auch die Menschheit als Ganze in ihrem kollektiven Leben ähnliche Stadien durchläuft und wir in einer Zeit leben, in der die Menschheit aus ihrer Kindheit hervor getreten ist und an der Schwelle zur Reife steht. Die Turbulenzen und Umwälzungen, die heute in der Gesellschaft herrschen, können dann als charakteristisch für jene Adoleszenz angesehen werden, welche die Übergangsphase darstellt. Der Beginn dieser Reife bringt natürlich neue Fähigkeiten und stellt neue Anforderungen, für welche die Einstellungen, Gedanken und Gewohnheiten der Kindheit unzureichend sind. Die Herausforderung für die Menschheit besteht nun darin, die Wege der Jugend zu verlassen und jene Qualitäten und Fähigkeiten zu entwickeln, die es ermöglichen, auf die Anforderungen einer neuen Zeit zu reagieren.

Was die Kräfte betrifft, mit denen in diesem historischen Moment gerechnet werden muss, so sind diese mit zwei parallelen Prozessen verbunden: Ein Prozess ist im Wesentlichen destruktiv, während der andere integrativ ist. Die Wirkung des destruktiven Prozesses zeigt sich in Phänomenen wie dem Aufkommen von Rassenfeindlichkeit und Nationalismus, der Verbreitung von Terrorismus und Gewalt, dem Zusammenbruch von Familien und der Zerstörung menschlicher Beziehungen, den zunehmenden Anzeichen von Argwohn, Misstrauen und Angst und dem unstillbaren Durst für Eitelkeiten und fehlgeleitete oder übertriebene Vergnügen. Obwohl solche Kräfte, die diesen destruktiven Prozess begleiten, negativ und oft verheerend sind, neigen sie dazu, Barrieren abzubauen, die den Fortschritt der Menschheit in Richtung Reife blockieren. In Bezug auf diesen Punkt, lassen Sie mich mit einem Zitat von Shoghi Effendi aus dem Buch 'Die Weltordnung Bahá'u'lláhs' fortfahren:

»Wenn lang gehegte Ideale, wenn altehrwürdige Institutionen, wenn gesellschaftliche Postulate und religiöse Glaubensbekenntnisse das Wohl der Gesamtheit aller Menschen nicht mehr fördern, wenn sie den Bedürfnissen einer sich ständig entwickelnden Menschheit nicht länger gerecht werden, dann fegt sie hinweg und verbannt sie in die Rumpelkammer veralteter und vergessener Doktrinen! Warum sollten sie in einer Welt, die dem unabänderlichen Gesetz des Wandels und des Verfalls unterliegt, von der Entartung verschont bleiben, die alle menschlichen Einrichtungen zwangsläufig ereilt? Rechtsnormen, politische und wirtschaftliche Theorien sind nur dazu da, die Interessen der Menschheit als Ganzes zu schützen; nicht aber ist die Menschheit dazu da, für die unversehrte Aufrechterhaltung eines bestimmten Gesetzes oder Lehrsatzes gekreuzigt zu werden.«

Der oben beschriebene destruktive Prozess ist natürlich ziemlich sichtbar und seine Auswirkungen sind überall zu sehen - jeden Tag. Den anderen, parallelen Prozess, der einen konstruktiven Charakter hat, klar zu sehen, erweist sich als nicht so einfach. Aber wenn wir die Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts mit einem Geist analysieren, der weiter ist als die fast ausschließlich sozialen, politischen und ökonomischen Theorien, die für sich selbst destruktiv sind, werden wir gründlich von der Wirkungsweise eines gewaltigen und mächtigen Integrationsprozesses überzeugt sein. Frühere Stadien dieses Prozesses haben nacheinander die Familieneinheit, den Stamm, den Stadtstaat und die Nation ins Leben gerufen. Das Unterscheidungsmerkmal der gegenwärtigen Periode der Geschichte ist, dass der integrative Prozess jetzt seine beste Frucht trägt: die Vereinigung der gesamten menschlichen Rasse in einer Weltzivilisation - die Einheit der Menschheit.

Diese Weltzivilisation soll nicht die Flamme eines vernünftigen und intelligenten Patriotismus in den Herzen der Menschen ersticken. Sie wird das System der nationalen Autonomie nicht so abschaffen, weil das Übel der exzessiven Zentralisierung vermieden werden soll. Sie wird nicht versuchen, die Vielfalt der ethnischen Herkunft, des Klimas, der Geschichte, der Sprache und Tradition, des Denkens und der Bräuche, welche die Völker und Nationen der Welt auszeichnen, unterdrücken. Sie wird eine größere Loyalität und die Unterordnung der nationalen Interessen unter die Forderungen einer konstruktiv vernetzten Welt fordern. Sie wird sowohl der exzessiven Zentralisierung als auch allen Versuchen der völligen Vereinheitlichung entgegentreten. Sein am meisten geschätztes Konzept wird die Einheit in der Vielfalt sein. Ich möchte mit dem Text fortzufahren, welchen ich oben zum Prinzip der Einheit der Menschheit begonnen hatte:

»…ist kein bloßer Ausdruck unkundiger Gefühlsseligkeit oder unklarer frommer Hoffnung. Sein Ruf ist nicht gleichbedeutend mit einer bloßen Wiedererweckung des Geistes der Brüderlichkeit und des guten Willens unter den Menschen, noch geht es nur um die Förderung harmonischer Zusammenarbeit zwischen einzelnen Völkern und Ländern. Die Folgerungen gehen tiefer, der Anspruch ist höher als alles, was den früheren Propheten zu äußern erlaubt war. Die Botschaft gilt nicht nur dem Einzelnen, sondern befasst sich in erster Linie mit der Natur jener notwendigen Beziehungen, die alle Staaten und Nationen als Glieder einer menschlichen Familie verbinden müssen. Der Grundsatz der Einheit stellt nicht nur die Verkündigung eines Ideals dar, sondern ist unzertrennlich mit einer Institution verbunden, die seine Wahrheit verkörpert, seine Gültigkeit bekundet und seinen Einfluss dauernd zur Geltung bringt. Er verlangt eine organische, strukturelle Veränderung der heutigen Gesellschaft, eine Veränderung, wie sie die Welt noch nicht erlebt hat.«

Mit einem Zitat zum Wirtschaftsleben des Universalen Hauses der Gerechtigkeit vom 1. März 2017 möchte ich enden:

»Das Wohlergehen jedes einzelnen Segments der Menschheit ist mit dem Wohlergehen des Ganzen untrennbar verbunden. Die Menschheit als Ganze leidet, wenn eine Gruppe nur an ihr eigenes Wohlergehen denkt, losgelöst von dem ihrer Nachbarn, oder wenn sie nach wirtschaftlichem Gewinn strebt ohne Rücksicht auf Folgen für die Natur, die Lebensgrundlage aller. Bedeutender sozialer Fortschritt wird so hartnäckig blockiert: Immer wieder setzen sich Habgier und Eigennutz auf Kosten des Allgemeinwohls durch. Hemmungslos wird exzessiver Reichtum zusammengerafft, und die so geschaffene Instabilität wird dadurch verstärkt, dass Einkommen und Chancen innerhalb wie zwischen den Nationen derart ungleich verteilt sind.«

»Aber das muss nicht so sein. Ganz gleich wie sehr derartige Verhältnisse historisch bedingt sind – die Zukunft müssen sie nicht bestimmen; und selbst wenn die derzeit gängigen ökonomischen Vorstellungen und Methoden der Menschheit in der Zeit ihrer Adoleszenz genügten, so sind sie doch für die anbrechende Zeit ihrer Reife schlicht unzureichend. Es gibt keine Rechtfertigung dafür, an Strukturen, Regeln und Systemen festzuhalten, die ganz offenkundig nicht den Interessen aller Völker dienen. Die Lehren des Glaubens lassen hier keinen Raum für Zweifel: Aufbau, Verteilung und Verwendung von Reichtum und Ressourcen haben eine inhärente moralische Dimension.«

»Aus dem andauernden Prozess des Übergangs von einer geteilten zu einer geeinten Welt ergeben sich Spannungen, die in den internationalen Beziehungen ebenso zu spüren sind wie in den sich vertiefenden Rissen, die kleine wie große Gemeinschaften spalten. Da die vorherrschenden Denkweisen offensichtlich unzureichend sind, braucht die Welt dringend eine gemeinsame Ethik, ein festes Rahmenwerk, um den Krisen begegnen zu können, die sich wie Gewitterwolken auftürmen.«

»Die Vision Bahá’u’lláhs stellt viele der Annahmen infrage, die man den derzeitigen Diskurs bestimmen lässt – beispielsweise, dass Eigennutz nicht etwa gezügelt werden sollte, sondern vielmehr den Wohlstand fördert, und dass Fortschritt davon abhängig ist, dass sich dieser Eigennutz in erbarmungsloser Konkurrenz äußert. Den Wert eines Menschen hauptsächlich danach zu bemessen, wie viel Vermögen er im Vergleich zu anderen anhäufen und wie viele Waren er konsumieren kann, ist dem Bahá’í-Denken vollkommen fremd. Aber die pauschale Ablehnung von Reichtum als in sich widerwärtig und unmoralisch findet in den Lehren ebenso keine Zustimmung, und Askese ist untersagt. Reichtum muss der Menschheit dienen. Seine Verwendung muss geistigen Prinzipien entsprechen; es müssen Systeme geschaffen werden, die solchen Prinzipien folgen.«

»In den erinnerungswürdigen Worten Bahá’u’lláhs: „Kein Licht gleicht dem Licht der Gerechtigkeit! Sie bewirkt Ordnung in der Welt und sichert die Ruhe der Völker.“«

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Über den Autor
Helmut, Webmaster der Gemeinde, hatte 1970 den ersten Kontakt mit der Bahá'í-Religion und erklärte sich 1974 zum Bahá'í-Glauben. Über 30 Jahre lebte Helmut in Belarus und half dort die Bahá'í-Gemeinde mit aufzubauen. Seit 2014 lebt er mit seiner Familie in Erfurt. Der interreligiöse Bereich und die Förderung der jungen Generation sind besondere Anliegen von Helmut.

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