Hat das Leiden einen Sinn?

Heimsuchungen und Leiden sind gleichsam das Öl, welches die Lampe speist

Manchmal gehen wir durch schwere Prüfungen, z.B. heute mit der Corona-Krise und fragen uns: Warum passiert das immer mir? Warum passiert das immer uns? Vielleicht sollen wir aus diesen Prüfungen wachsen? Durch sie lernen wir, innerlich standhaft zu bleiben und geduldig zu werden. Wir möchten uns einmal ein paar Gedanken und Zitate anschauen, die uns Hilfe geben können.

Wenn der Schnee nicht fällt, wenn der Sturm nicht weht, wird der Seelen erfrischende Frühling nicht erscheinen. Wenn die Wolken nicht weinen, werden die Wiesen nicht lachen.

Vor kurzem begann das schöne Wetter, die Wolken sind weggezogen. Wenn wir nach draußen in die Natur gehen, sehen wir, wie sich die Natur entwickelt, das Grün ist satter, die Bäume fangen an neue Blätter auszutreiben, neues Leben beginnt. Der Winter ist etwas armseliger, die Wiesen sind braun, ausgetrocknet und leblos. Jetzt sprießt die Natur mit reichem, neuem Wachstum, erfüllt von grünen Pflanzen und blühender Fauna. Die Erde, nass vom lebensspendenden Regen, fühlt sich unter den Füßen lebendig an. Vögel singen. Insekten zwitschern. Gras sprießt. Der Seelen erfrischende Frühling begann von Neuem.

»Wenn die Wolken nicht weinen«, sagte `Abdu'l-Bahá, »werden die Wiesen nicht lachen.«

Wir weinen fast alle, wenn wir in diesem Leben durch Schmerz und Entbehrung gehen. Jeder von uns hat Prüfungen und Unbilden. An keinem gehen Mühsal und Leiden vorüber, egal wie privilegiert oder glücklich man ist.

Hier ist also die Frage: Hat unser Leiden einen Sinn? Die Bahá'í-Lehren sagen: ja – und `Abdu'l-Bahá schrieb im Buch 'Ansprachen in Paris' dazu Folgendes:

»Menschen, die nicht leiden, erfahren keine Vervollkommnung. Die vom Gärtner am stärksten beschnittene Pflanze wird, wenn der Sommer kommt, die schönsten Blüten und die üppigsten Früchte bringen....«

»Der Landmann furcht die Erde mit dem Pflug, und aus einem solchen Boden erwächst die reiche und volle Ernte. Je mehr ein Mensch geläutert wird, desto größer ist die Ernte der geistigen Tugenden, die aus ihm hervorgehen.«

Wir leiden, lehren uns die Bahá'í-Lehren, damit wir lernen können, uns von dieser physischen Welt zu lösen und unseren Geist in die himmlische Welt aufsteigen zu lassen, welche nur Glück beschert:

»Die Freude verleiht uns Schwingen. In Zeiten der Freude ist unsere Kraft belebter, unser Intellekt geschärfter und unser Begriffsvermögen weniger umzogen. Es fällt uns offenbar leichter, uns mit der Welt zu messen und unser Eignungsgebiet herauszufinden. Wenn aber Traurigkeit bei uns einkehrt, werden wir schwach, die Kraft verlässt uns, unser Fassungsvermögen wird trüb und unsere Intelligenz umschleiert. Die Gegebenheiten des Lebens scheinen sich unserem Griff zu entziehen, die Augen des Geistes können die geistigen Geheimnisse nicht mehr entdecken, und selbst das Leben scheint uns zu verlassen.«

»Kein menschliches Wesen bleibt von diesen beiden Einflüssen unberührt, doch alle Sorge und der Kummer, denen wir begegnen, kommen aus der Welt des Stoffes, die geistige Welt hingegen schenkt nur Freude.«

»Leiden wir, so ist es das Ergebnis stofflicher Dinge, und alle Heimsuchungen und Störungen kommen aus dieser Welt der Täuschung.«

»So mag zum Beispiel ein Kaufmann sein Geschäft verlieren und Niedergeschlagenheit daraus folgen. Ein Arbeiter wird entlassen und sieht dem Hunger entgegen. Ein Bauer hat eine schlechte Ernte, und sein Gemüt wird angstvoll. Ein Mann baut sich ein Haus, das völlig niederbrennt, er ist ganz plötzlich obdachlos, zugrundegerichtet und verzweifelt.«

»Diese Beispiele alle sollen euch zeigen, dass die Prüfungen, die jeden unserer Schritte umlagern, alle unsere Sorgen, Leiden, Schmach und Kummer aus der Welt des Stoffes kommen, wogegen das geistige Reich nie Traurigkeit verursacht. Ein Mensch, der mit seinen Gedanken in diesem Reiche lebt kennt dauernde Freude. Die Übel, die das Erbe alles Fleisches sind, berühren ihn nicht, sie streifen sein Leben nur an der Oberfläche, während die Tiefen ruhig und gelassen sind.«

Wir wissen, dass `Abdu'l-Bahá fast sein ganzes Leben in Gefangenschaft und Leid verbracht hat, wir wissen auch, dass alle Offenbarer große Leiden und sogar den Tod erlitten haben(,) - für uns, um uns das Leben zu erleichtern.

Bahá'u'lláh schrieb im Buch ‘Gebete und Meditationen':

»Deine Herrlichkeit ist mein Zeuge! Mit Freuden ertrage ich mein Leid und das Leid der mich Liebenden auf Deinem Pfade.«

Gottvertrauen in schweren Zeiten gewinnen

Wie können wir das Beste aus schweren Zeiten machen? Wie können wir mehr Geistigkeit erlangen? Lesen wir, was uns `Abdu'l-Bahá dazu mitteilte:

»Die Menschheit ist heute niedergedrückt von Mühsal, Sorge und Kummer. Niemand kann sich ihnen entziehen. Die Welt ist nass von Tränen, doch steht das Heilmittel Gott Lob vor der Türe. Lasset uns unsere Herzen abwenden von der Welt des Stoffes und in der Welt des Geistes leben. Sie allein kann Freiheit geben. Sind wir von Schwierigkeiten umringt, so brauchen wir nur Gott zu rufen, und Seine große Barmherzigkeit wird uns helfen.«

»Wenn Sorgen und Missgeschick zu uns kommen, so lasst uns unser Angesicht zum Königreich wenden, und himmlischer Trost wird fließen.«

»Wenn wir krank und in Not sind, lasst uns um Gottes Heilung flehen, und Er wird unser Beten erhören.«

»Wenn unsere Gedanken mit der Bitternis dieser Welt erfüllt sind, lasst uns unsere Augen auf die Süße von Gottes Mitleid richten, und Er wird himmlische Ruhe senden. Wenn wir auch in der stofflichen Welt gefangen sind, so kann sich doch unser Geist in die Himmel erheben, und wir werden tatsächlich frei sein.«

»Wenn sich unsere Tage dem Ende nähern, lasst uns der ewigen Welten gedenken, und wir werden voller Freude sein.«

»Überall um euch seht ihr die Beweise für die Unzulänglichkeit der stofflichen Dinge und dass Freude, Labsal, Friede und Trost nicht in den vergänglichen Dingen der Welt zu finden sind. Ist es daher nicht töricht, uns zu weigern, diese Schätze dort zu suchen, wo wir sie finden können? Die Tore des geistigen Königreiches sind für alle offen, und außerhalb derselben ist völliges Dunkel.«

Wenn also die Wolken des Lebens auf dich regnen, wenn dein Leiden sinnlos und zwecklos erscheint, denke an die lachende Wiese, die uns alle erwartet.

Wenn wir leiden, sagt uns dies, dass etwas in unserem Leben nicht im Einklang ist; es fordert uns auf, etwas an unserem Leben zu ändern - vielleicht lehrt uns Leid aber auch das Glück zu schätzen.

»... des Menschen höchste Ehre und wahres Glück liegt in der Selbstachtung.... in hohen Entschlüssen und edlen Vorsätzen, in der Unversehrtheit und Sittlichkeit der Person, in der Reinheit des Denkens.«

In einem Brief Shoghi Effendis lesen wir Folgendes:

»Heimsuchungen und Leiden sind, wie Bahá'u'IIáh uns in Seinen Sendbriefen wiederholt mahnt, gleichsam das Öl, das die Lampe speist. Die Sache kann ihre wahre Größe nicht enthüllen, solange sie nicht auf eben diese Hindernisse stößt, die ihr dann und wann begegnen und zeitweise ihre Grundfesten zu bedrohen scheinen, und sie erfolgreich bewältigt. Solche Hindernisse, Prüfungen und Heimsuchungen sind in Wirklichkeit verhüllter Segen ...«

Vielleicht müssen wir lernen loszulassen, das annehmen, was ist, keinen Widerstand dagegen aufzubauen, sondern unser vorherbestimmtes Los akzeptieren und versuchen zu verstehen, was Gott uns damit sagen will.

Hilft es uns, wenn wir alles verzeihen, alles vergeben, was uns geschah? Vielleicht wollen wir das folgende Gebet `Abdu'l-Bahás als Hilfe nehmen?

»O Gott, mein Gott! Demütig bittend, mein Angesicht im Staube, flehe ich zu Dir mit der ganzen Inbrunst meines Gebets: Vergib jedem, der mich verletzte, verzeihe dem, der sich gegen mich verschwor und mich beleidigte, lösche die Untaten derer, die mir Unrecht zufügten. Gib ihnen Deine guten Gaben, schenke ihnen Freude, befreie sie von Leiden, gewähre ihnen Frieden und Wohlstand, verleihe ihnen Deine Glückseligkeit und überschütte sie mit Deiner Großmut.
Du bist der Machtvolle, der Gnädige, der Helfer in Gefahr, der Selbstbestehende!«

 

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Über den Autor

Helmut, Webmaster der Gemeinde, hatte 1970 den ersten Kontakt mit der Bahá'í-Religion und erklärte sich 1974 zum Bahá'í-Glauben. Über 30 Jahre lebte Helmut in Belarus und half dort die Bahá'í-Gemeinde mit aufzubauen. Seit 2014 lebt er mit seiner Familie in Erfurt. Der interreligiöse Bereich und die Förderung der jungen Generation sind besondere Anliegen von Helmut.

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Kommentare

21.03.2020 | Mark David Vinzens

Die Sonne
lehrt alle Lebewesen die Sehnsucht nach dem Licht.
Doch es ist die Nacht,
die uns alle zu den Sternen erhebt.

(Kahlil Gibran)

21.03.2020 | Mark David Vinzens

„Wenn der Schnee nicht fällt, wenn der Sturm nicht weht, wird der Seelen erfrischende Frühling nicht erscheinen. Wenn die Wolken nicht weinen, werden die Wiesen nicht lachen.“

Sehr schön gesagt!