Die fortschreitende Offenbarung des göttlichen Willens

Das Bahá'í-Prinzip der Fortschreitenden Gottesoffenbarung

Eines der Dinge, nach denen wir als Bahá'í oft gefragt werden, ist unsere Überzeugung vom Prinzip der Einheit der Religion. Da es sich um eine der zentralen Lehren Bahá'u'lláhs handelt, ist es von großer Bedeutung, dass wir verstehen, was es bedeutet, alle Religionen im Wesentlichen als eine zu betrachten. Auf diese Weise sind wir in der Lage, allgemeine Fragen zu beantworten, die uns gestellt werden, wie zum Beispiel: „Wie können alle Religionen wahr sein, wenn sie in der Art und Weise, wie sie praktiziert werden, nicht übereinstimmen?“

Eine Antwort auf diese Fragen wird von Natur aus auf dem Konzept der Fortschreitenden Gottesoffenbarung basieren, einem Kernkonzept, das nahelegt, dass die religiöse Wahrheit im Wesentlichen eine ist und dass sie von Gott allmählich durch eine Reihe von göttlichen Gesandten schrittweise offenbart wird. Mose, Krishna, Christus, Mohammed, der Báb und Bahá'u'lláh sind einige Beispiele für diese Botschafter, die wie perfekte Spiegel die Vollkommenheiten und Eigenschaften Gottes widerspiegeln und manifestieren und Sein Wort offenbaren. Durch die Linse der Progressiven Gottesoffenbarung können wir deutlich sehen, wie alle großen Religionen der Welt göttlichen Ursprungs sind, und ihre Gründer als göttliche Manifestationen Gottes betrachten.

Um Klarheit darüber zu gewinnen, könnte es hilfreich sein, eine Analogie zu betrachten, die die Gesandten Gottes mit Lehrern und die Menschheit mit einem Schüler vergleicht: Stellen wir uns ein Kind vor, das in die Schule geht. Der Lehrer der ersten Klasse hilft ihm, grundlegende Mathematik zu lernen, vielleicht wie man Zahlen addiert und subtrahiert. Diese Fähigkeit ist die Grundlage, auf welcher der Lehrer der zweiten Klasse dem Schüler Neues beibringt, beispielsweise wie das Multiplizieren und Dividieren von Zahlen funktioniert. Der Lehrer der dritten Klasse wird etwas anderes unterrichten, und so weiter - bis der Schüler schließlich in der Lage ist, die Rechenarten zu beherrschen.

In ähnlicher Weise erklärte Bahá'u'lláh im Buch 'Ährenlese', wie die Göttliche Offenbarung ein allmählicher Prozess sein muss:

»Wisse mit Sicherheit, dass in jeder Sendung das Licht göttlicher Offenbarung den Menschen im unmittelbaren Verhältnis zu ihrer geistigen Fassungskraft dargereicht wurde. Betrachte die Sonne! Wie schwach sind ihre Strahlen in dem Augenblick, da sie am Horizont aufgeht. Wie nehmen ihre Wärme und ihre Kraft allmählich zu, während sie sich dem Zenit nähert. So ist alles Erschaffene befähigt, sich der zunehmenden Stärke ihres Lichtes anzupassen. Wie gleichmäßig nimmt sie wieder ab, bis sie den Punkt ihres Untergangs erreicht. Würde sie plötzlich alle in ihr verborgenen Kräfte offenbaren, so würde sie zweifellos allem Erschaffenen Schaden bringen … Wenn nun die Sonne der Wahrheit auf der ersten Stufe ihrer Manifestation plötzlich das volle Maß der Kräfte, die ihr die Vorsehung des Allmächtigen verliehen hat, enthüllte, würde die Erde menschlichen Begreifens verdorren und vergehen, denn die Menschenherzen könnten weder die Stärke ihrer Offenbarung ertragen noch wären sie fähig, den Glanz ihres Lichtes widerzuspiegeln. Bestürzt und überwältigt würden sie aufhören zu bestehen

Wenn wir das verstehen, verstehen wir auch die wesentliche Natur des Beitrags des Lehrers in der frühen Phase des Bildungsprozesses, der es dem Schüler ermöglicht, letztendlich die Universität zu erreichen und komplexere Dinge zu lernen und wie er sie in der Welt anwenden kann. Ohne die Strukturen, die von früheren Lehrern geschaffen wurden, wäre es dem Schüler nicht möglich gewesen, jenes Wissen, das die Lehrer zu einem späteren Zeitpunkt teilen, zu verstehen. Was die Lehrer dem Schüler übermitteln, steht in keinem Verhältnis zu dem, was oder wie viel sie selbst wissen; vielmehr entspricht es der Fähigkeit des Schülers, dieses Wissen zu verarbeiten und zu verstehen. Der Lehrer der ersten Klasse muss also die Strukturen in angemessener Weise vorgeben und geduldig warten, in der berechtigten Hoffnung, dass erst später im Prozess die Fähigkeiten des Schülers aus dem Samen wachsen werden, den der Lehrer gepflanzt hat. Der Báb äußerte im Buch 'Eine Auswahl aus Seinen Schriften':

»der Mensch sollte, wenn er das neunzehnte Jahr erreicht, dankbar des Tags gedenken, an dem er gezeugt wurde. Denn hätte es keinen Embryo gegeben, wie hätte er dann seinen heutigen Zustand erlangen können? Hätte es also die Religion Adams nicht gegeben, so wäre dieser Glaube nicht zu seiner gegenwärtigen Stufe gelangt. So erwäge denn die Entwicklung des Gottesglaubens bis hin zum Ende, das kein Ende hat.«

So, wie es in der Schule unterschiedliche Stufen gibt, gibt es auch innerhalb der Progressiven Offenbarung unterschiedliche "Sendungen", wobei jede Sendung die Einflussperiode eines bestimmten Gesandten Gottes kennzeichnet.

Obwohl wir als Bahá'ís sehen, dass alle Gesandten Gottes den gleichen göttlichen Zweck verfolgen, bedeutet dies nicht, dass wir blind für die Unterschiede zwischen spezifischen Lehren verschiedener Religionen sind. Wir lesen im Buch 'Ährenlese':

»Durch die Lehren dieser Sonne der Wahrheit wird jeder Mensch fortschreiten und sich entwickeln, bis er die Stufe erreicht, auf der er alle in ihm verborgenen Kräfte offenbaren kann, mit denen sein innerstes, wahres Selbst begabt worden ist. Zu eben diesem Zweck sind in jedem Zeitalter und in jeder Sendung die Propheten Gottes und Seine Auserwählten unter den Menschen erschienen und haben eine Kraft gezeigt, wie sie von Gott geboren ist, und eine Macht, wie sie nur der Ewige offenbaren kann.«

Jeder Gottesbote drückt die ewigen Wahrheiten Gottes aus, richtet aber auch eine spezifischere Botschaft an das jeweilige Volk, unter dem Er als Gesandter Gottes erscheint. Angesichts der Vielfalt der sozialen und historischen Kontexte unterscheiden sich diese spezifischen Botschaften notwendigerweise. Jede von ihnen ist auf die religiösen und sozialen Bedürfnisse eines bestimmten Zeitalters zugeschnitten. Auch hier ergeben sich Unterschiede daraus, dass jede Manifestation Gottes in eine bestimmte menschliche Kultur eingebettet ist und dass sich Seine Worte folglich in der unverwechselbaren Sprache und den konzeptionellen Rahmenbedingungen dieser Kultur ausdrücken.

Ein Blick auf eine andere Analogie könnte uns helfen zu erkennen, dass diese scheinbaren Unterschiede zwischen den Lehren der verschiedenen Religionen kein Widerspruch sind. Im Laufe der Geschichte wurde die Menschheit zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen Problemen heimgesucht. In jedem Stadium seiner Entwicklung hat eine bestimmte Krankheit die Welt heimgesucht. Das Gleiche geschieht, wenn ein Kind aufwächst und aus verschiedenen Gründen krank wird. Der Arzt, wenn er das Kind in seinen verschiedenen Wachstumsphasen begleitet, würde nicht dasselbe Mittel für die verschiedenen Krankheiten verschreiben. Ebenso offenbaren die Gesandten Gottes, wenn Sie die göttliche Offenbarung erneuern, die am besten geeigneten Lehren und Grundsätze für die unmittelbaren Bedürfnisse der Menschheit. Bahá'u'lláh schrieb im Buch 'Ährenlese' folgendes:

»Der allwissende Arzt legt Seinen Finger an den Puls der Menschheit. Er erkennt die Krankheit und verschreibt in Seiner unfehlbaren Weisheit die Arznei. Jede Zeit hat ihr eigenes Problem, jede Seele ihre besondere Sehnsucht. Das Heilmittel, dessen die Welt in ihren heutigen Nöten bedarf, kann nicht das gleiche sein, das ein späteres Zeitalter erfordern mag. Befasst euch gründlich mit den Nöten der Zeit, in der ihr lebt, und legt den Schwerpunkt eurer Überlegungen auf ihre Bedürfnisse.«

Um also die Einheit der Religion zu schätzen, muss man die Beziehung zwischen den Religionen durch die Linse der Progressiven Gottesoffenbarung betrachten, um ihre Eigenschaften im Zusammenhang zu sehen. Shoghi Effendi, der Urenkel Bahá'u'lláhserläuterte im Buch 'Der verheißene Tag ist gekommen':

»Die Anhänger dieses Glaubens stehen fest zu dem grundlegenden Prinzip, wie es von Bahá'u'lláh verkündet worden ist, dass religiöse Wahrheit nicht absolut, sondern relativ ist, dass Gottesoffenbarung ein fortdauerndes und fortschreitendes Geschehnis ist, dass alle großen Religionen der Welt göttlich in ihrem Ursprung sind, dass ihre Grundsätze miteinander in völligem Einklang stehen, dass ihre Ziele und Absichten ein und dieselben sind, dass ihre Lehren nur Widerspiegelungen der einen Wahrheit sind, dass ihr Wirken sich ergänzt, dass sie sich nur in unwesentlichen Teilen ihrer Lehren unterscheiden und dass ihre Sendungen aufeinanderfolgende geistige Entwicklungsstufen der Menschheit darstellen.«

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Über den Autor

Helmut, Webmaster der Gemeinde, hatte 1970 den ersten Kontakt mit der Bahá'í-Religion und erklärte sich 1974 zum Bahá'í-Glauben. Über 30 Jahre lebte Helmut in Belarus und half dort die Bahá'í-Gemeinde mit aufzubauen. Seit 2014 lebt er mit seiner Familie in Erfurt. Der interreligiöse Bereich und die Förderung der jungen Generation sind besondere Anliegen von Helmut.

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