Leben in einer sich schnell verändernden Gesellschaft, die Erziehung zum Weltbürger

Die Erziehung zum Weltbürger

Ein neuer Prozess der moralischen Erziehung muss im Kontext des Übergangs der Menschheit zur Reife und zur Entstehung einer Weltzivilisation entwickelt werden, welche das Prinzip der Einheit in der Vielfalt verkörpert. Die Personen, die durch diesen Prozess erzogen werden, müssen eine klare Vorstellung von den Anforderungen des Reifealters entwickeln und lernen, zur Transformation der heutigen Gesellschaft beizutragen. Sie werden ständig danach streben müssen, die Tugenden, die der Menschheit innewohnen, vollständiger auszudrücken und Fehler, schädliche Gewohnheiten und Tendenzen, die von ihrer Umwelt herrühren, auszumerzen. Sie müssen sich jedoch der einzigartigen Eigenschaften und des Beitrags ihrer Nation und ihres Volkes bewusst sein und sich der Bereicherung und Förderung ihrer eigenen Kultur widmen. Vor allem müssen sie Prozesse stärken, die den negativen Kräften entgegenwirken, welche die Grundlagen der menschlichen Existenz untergraben und sich mit den Kräften verbinden, die die Menschheit zur Erfüllung ihres Schicksals führen. ‘Abdu’l-Bahá bemerkte hierzu im Buch 'Briefe und Botschaften' Folgendes:

»Der Säugling durchläuft verschiedene Entwicklungsstufen. Er wächst und entwickelt sich auf jeder Stufe, bis sein Körper das Reifealter erreicht. Auf dieser Stufe erwirbt er die Fähigkeit, geistige und intellektuelle Vollkommenheiten zu offenbaren. Das Licht des Begreifens, des Verstandes und der Erkenntnis wird an ihm sichtbar; seine Seelenkräfte entfalten sich. So hat in der bedingten Welt auch die Gattung Mensch fortschreitend körperliche Veränderungen durchgemacht und ist in einem langsamen Prozess die Leiter der Zivilisation emporgestiegen. Sie verkörperte somit die Wunder, Vortrefflichkeiten und Gaben des Menschseins in ihrer herrlichsten Gestalt, bis sie die Fähigkeit erlangte, die Pracht geistiger Vollkommenheiten und göttlicher Ideale auszudrücken, und den Ruf Gottes vernehmen konnte. Der Ruf zum Reich Gottes wurde schließlich erhoben, die geistigen Tugenden und Vollkommenheiten wurden offenbart, die Sonne der Wirklichkeit ist aufgegangen, die Lehren über den Größten Frieden, die Einheit der Menschheit und die Allgemeingültigkeit alles Menschlichen wurden verkündet. Wir hoffen, dass diese Strahlen ihren Glanz immer stärker verbreiten, dass vollkommene Tugenden diesen Strahlenglanz immer mehr widerspiegeln, bis das Ziel dieses allumfassenden menschlichen Entwicklungsprozesses erreicht ist, bis die Liebe Gottes in höchster Anmut und Schönheit erscheint und alle Herzen in ihren Bann schlägt.«

Ein zweites Konzept, das grundlegend für einen Rahmen moralischer Bildung ist, besteht darin, dass die moralische Person, die wir uns hier vorstellen, einen starken Sinn für das Ziel haben muss, um im Zeitalter des Übergangs effektiv zu handeln. Gutmütigkeit, einfach definiert - sich auf das eigene Tun zu konzentrieren und niemanden zu verletzen, eine Definition, die im Laufe der Geschichte nur Unterdrückung ermöglicht hat -, reicht unserer Zeit einfach nicht aus. Aber es reicht auch nicht, zu sagen, dass eine moralische Person zielgerichtet sein muss. Das Wesen dieser Zielstrebigkeit muss im Prozess der moralischen Erziehung sorgfältig untersucht werden.

Sind wir einverstanden, dass das Ziel eines moralisch edlen Menschen notwendigerweise zweifach sein muss, und zwar gleichzeitig auf die Entwicklung seiner gewaltigen eigenen Möglichkeiten ausgerichtet – Gott zu erkennen und die Größe Seiner Herrlichkeit widerzuspiegeln. Auf sozialer Ebene drückt dies sich in der Hingabe aus, das Wohlergehen der Menschheit und seiner Umwelt zu fördern.

»Bahá'u'lláhs Erklärung lautet: "Die Erde ist nur ein Land, und alle Menschen sind seine Bürger." Der Gedanke der Weltbürgerschaft ist das unmittelbare Ergebnis davon, dass die Welt durch den wissenschaftlichen Fortschritt und die unbestreitbare wechselseitige Abhängigkeit der Staaten auf eine einzige Nachbarschaft geschrumpft ist. Die Liebe zu allen Völkern der Welt schließt die Liebe zum eigenen Land nicht aus. In der Weltgesellschaft wird der Nutzen eines Teils am besten dadurch gewahrt, dass der Nutzen des Ganzen gefördert wird. Die heutigen internationalen Aktivitäten auf verschiedenen Gebieten, welche die gegenseitige Zuneigung und den Sinn für Solidarität unter den Völkern pflegen, müssen erheblich verstärkt werden.«

(Botschaft des Universalen Hauses der Gerechtigkeit, Oktober 1985)

»Ein Wort der Warnung sollte jedoch in diesem Zusammenhang ausgesprochen werden. Die Liebe zum eigenen Land, wie sie durch die Lehre des Islám als »ein Element der Religion Gottes« eingeprägt und betont wird, ist durch diese Erklärung, diesen Posaunenruf Bahá'u'lláhs weder verdammt noch herabgesetzt worden. Er sollte und kann in der Tat nicht als Ablehnung einer gesunden und verständigen Vaterlandsliebe ausgelegt oder im Lichte eines Tadels, der gegen sie ausgesprochen wird, betrachtet werden, noch versucht er, die Ergebenheit und Treue irgendeines einzelnen zu seinem Lande zu untergraben oder den rechtmäßigen Bestrebungen, Rechten und Pflichten eines einzelnen Staates oder Volkes zu widersprechen. Alles, was er besagt und verkündet, ist die Unzulänglichkeit des Patriotismus im Hinblick auf den grundlegenden Wandel, der im wirtschaftlichen Leben der Gesellschaft und in der gegenseitigen Abhängigkeit der Nationen und infolge des Zusammenschrumpfens der Welt durch die Revolution auf dem Gebiet der Verkehrs- und Nachrichtenmittel eingetreten ist. Dies sind Zustände, die in den Tagen Jesu Christi oder Muḥammads nicht bestanden noch bestehen konnten. Er ruft nach einer umfassenderen Treue, die den kleineren Formen der Treue nicht widerstreiten sollte und es tatsächlich auch nicht tut. Er gibt eine Liebe ein, die, im Hinblick auf ihre Weite, die Liebe zum eigenen Lande ein- und nicht ausschließen muss. Er legt durch die Treue, die er eingibt, und die Liebe, zu der er anregt, den einzigen Grund, auf dem der Entwurf des Weltbürgertums gedeihen und der Bau einer Welteinheit ruhen kann. Er besteht jedoch auf der Unterordnung nationaler Gesichtspunkte und sonderstaatlicher Belange unter die gebieterischen und höheren Ansprüche der gesamten Menschheit, zumal in einer Welt voneinander abhängiger Nationen und Völker der Nutzen des Teiles am besten durch den Nutzen des Ganzen erreicht wird.«

(Shoghi Effendi, 'Der verheißene Tag ist gekommen')

Vielmehr bezeichnet die OffenbarungBahá'u'lláhs die letzte, höchste Stufe in der atemberaubenden Entwicklung des menschlichen Gesellschaftslebens auf diesem Planeten:

»Das Hervortreten einer Weltgemeinschaft, das Bewusstsein des Weltbürgertums, die Begründung einer Weltzivilisation und Weltkultur – Strukturen, die allesamt mit den Anfangsstadien in der Entfaltung des Goldenen Zeitalters der Bahá'í-Ära zusammenfallen müssen – sollten ihrer wahren Natur nach, was dieses planetarische Leben anbelangt, als die äußersten Grenzen für die Organisation der menschlichen Gesellschaft angesehen werden, wenngleich der Mensch als Einzelwesen im Ergebnis dieser Vollendung unbegrenzt weiter fortschreiten, sich weiter entwickeln wird und muss.«

(Shoghi Effendi, 'Die WeltordnungBahá'u'lláhs')

»Wie Sie aus Ihrem Studium der Bahá'í-Schriften wissen, ist das Prinzip, das alle Facetten organisierten Lebens auf diesem Planeten durchdringt, die Einheit der Menschheit, das Kennzeichen des Zeitalters der Reife. Dass die Menschheit ein einziges Volk bildet, ist eine Wahrheit, die, einst mit Skepsis betrachtet, heute breite Anerkennung findet. Die Zurückweisung tief verwurzelter Vorurteile und ein zunehmender Sinn für Weltbürgertum gehören zu den Anzeichen dieses höheren Bewusstseins. Wie vielversprechend ein wachsendes kollektives Bewusstsein auch sein mag, sollte es lediglich als ein erster Schritt in einem Prozess gesehen werden, dessen Entfaltung Jahrzehnte, nein, vielmehr Jahrhunderte dauern wird. Denn das Prinzip der Einheit der Menschheit, wie von Bahá'u'lláh verkündet, verlangt nicht nur eine Kooperation unter Menschen und Nationen. Es erfordert einen völligen Neuentwurf der Beziehungen, die die Gesellschaft aufrechterhalten.«

»Die sich verstärkende Umweltkrise, angetrieben von einem System, das die rücksichtslose Ausbeutung natürlicher Ressourcen billigt, nur um einen unstillbaren Durst nach mehr zu befriedigen, zeigt, wie gänzlich unzureichend das gegenwärtige Verständnis vom Verhältnis der Menschheit zur Natur ist; die damit einhergehende Verschlechterung des häuslichen Umfelds, mit der weltweit zunehmenden systematischen Ausbeutung von Frauen und Kindern, verdeutlicht, wie sehr sich völlig falsche Vorstellungen über die inneren Beziehungen der Familiengemeinschaft ausgebreitet haben; fortbestehender Despotismus einerseits und die zunehmende Missachtung von Autorität andererseits zeigen, wie unerfreulich für eine heranreifende Menschheit die gegenwärtige Beziehung zwischen dem Einzelnen und den Institutionen der Gesellschaft ist; die Konzentration materiellen Reichtums in den Händen einer Minderheit der Weltbevölkerung ist ein Indiz dafür, wie fundamental schlecht die Beziehungen zwischen den vielen Bereichen der jetzt entstehenden globalen Gemeinschaft konzipiert sind. Das Prinzip der Einheit der Menschheit umfasst somit einen organischen Wandel der Grundstrukturen der Gesellschaft.«

(Botschaft des Universalen Hauses der Gerechtigkeit, 2. März 2013)

Eindringlich ist in der Tat Shoghi Effendis Darstellung des Prozesses der Auflösung, welcher sich in der Welt beschleunigt. Ebenso treffend ist die Präzision, mit der er die Kräfte beschreibt, die mit dem Prozess der Integration einhergehen. Er spricht von einer "allmählichen Verbreitung des Geistes der Weltsolidarität …, der spontan aus dem Wirrwarr einer ungeordneten Gesellschaft aufsteigt" als mittelbarem Ausdruck von Bahá'u'lláhs Idee des Prinzips der Einheit der Menschheit.

»Dieser Geist der Solidarität hat sich über die Jahrzehnte hinweg weiter verbreitet und seine Auswirkungen sind heute in einer Reihe von Entwicklungen sichtbar: von der Ablehnung tief verwurzelter rassischer Vorurteile bis zum heraufdämmernden Bewusstsein des Weltbürgertums, von erhöhtem Umweltbewusstsein bis zu gemeinschaftlichen Anstrengungen zur Förderung der öffentlichen Gesundheitspflege, von der Sorge um die Menschenrechte bis zu systematischen Bestrebungen im Hinblick auf allgemeine Bildung, von der Einführung interreligiöser Aktivitäten bis zum Aufblühen hunderttausender lokaler, nationaler und internationaler Organisationen, die sich in irgendeiner Form mit sozialen Aktivitäten beschäftigen.«

(Botschaft des Universalen Hauses der Gerechtigkeit, Ridván 2006)

Welche Wege stehen vor uns? Was müssen wir, die Menschen, Frauen wie Männer, an der Basis der Gesellschaft tun um die Gedanken des Weltbürgertums und den Bau einer Welteinheit zu stärken? Eine Antwort finden wir in der Veröffentlichung der Internationalen Bahá’í-Gemeinde aus dem Jahr 1995, in der Schrift 'Wendezeit für die Nationen':

»Erstens: Diskussionen über die Zukunft der Vereinten Nationen müssen im großen Zusammenhang der Entwicklung und Ausrichtung einer internationalen Ordnung gesehen werden. Die Vereinten Nationen entstanden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gemeinsam mit anderen großen Organisationen. Zusammen werden diese nun die Entwicklung der neuen internationalen Ordnung bestimmen – und ihrerseits von dieser geformt werden. Daher sollten Aufgabe und Rolle, Handlungsprinzipien und sogar die Aktivitäten der Vereinten Nationen nur daraufhin untersucht werden, wie sie in die umfassende Zielsetzung einer internationalen Ordnung passen.«

»Zweitens: Da die Menschheit unteilbar ist, wird jeder Mensch geboren als ein der ganzen Welt anvertrautes Pfand. Diese Beziehung zwischen dem einzelnen und der Gesamtheit ist die moralische Grundlage für die meisten Rechte der Menschen, die die Vereinten Nationen zu definieren suchen. Sie dient auch der Bestimmung eines alles andere übersteigenden Zwecks der internationalen Ordnung bei der Festsetzung und Bewahrung der Rechte des einzelnen.«

»Drittens: Die Diskussionen über die Zukunft der internationalen Ordnung müssen die gesamte Menschheit einbeziehen und sie mitreißen. Diese Diskussionen sind derart bedeutsam, dass sie nicht nur auf den Kreis der führenden Personen in Regierungen, Wirtschaft, Wissenschaft, Religion und sonstigen gesellschaftlichen Gruppierungen beschränkt werden darf. Im Gegenteil, diese Entwicklungen müssen die Menschen, Frauen wie Männer, an der Basis der Gesellschaft einbinden. Durch eine solch breite Teilnahme wird ein sich selbst verstärkender Prozess in Gang gesetzt und das Bewusstsein des Weltbürgertums und für eine erweiterte internationale Ordnung gefördert.«

 

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