Der Bahá'í-Glaube und das Christentum

Der Bahá'í-Glaube und das Christentum: Schritte zu Dialog und Verständnis

Als jemand, der mit einer stark christlich geprägten Erziehung erzogen wurde - und im christlichen Umfeld lebend - denke ich oft an die Beziehung zwischen dem Bahá'í-Glauben und dem Christentum, wenn ich über meinen eigenen Weg zum Bahá'í-Glauben nachdenke.

Als ich Bahá'í wurde, bekam ich zahlreiche Fragen und Kommentare von meinen christlichen Freunden und Familienmitgliedern, von denen einige einfach neugierig und interessiert waren, mehr zu wissen. Und andere, die meine Entscheidung Bahá'í zu werden wirklich nicht verstehen konnten, obwohl sie wussten, dass ich vielen meiner christlichen Überzeugungen treu blieb.

Gleicherweise hatte ich viele Gespräche mit Bahá'í-Freunden über Unterhaltungen welche sie mit ihren christlichen Freunden über das Christentum und den Bahá'í-Glauben geführt hatten. In den letzten Jahren habe ich öfters über diese Gespräche nachgedacht und versucht eine Brücke zu bauen, die einen stärkeren und bedeutungsvolleren Dialog zwischen Bahá'í und Christen ermöglichen könnte.

Dieser Beitrag kann der Tiefe und Schönheit der zahlreichen Bibelstellen, welche wir in den Bahá'í-Schriften finden, oder der scholastischen Exzellenz der zahlreichen Publikationen über den Bahá'í-Glauben und das Christentum nicht gerecht werden.

Ich möchte aber 5 Strategien aufzeigen, welche mir geholfen haben, nützlichere und sinnvollere Antworten zu geben.

1. Das Verständnis, dass beide Religionen ein und dieselbe Wurzel haben

Ich erinnere mich an den Moment auf meinem eigenen Weg, als ich Bahá'u'lláh und die Schönheit des Bahá'í-Glaubens und seiner göttlichen Ursprünge anerkennen konnte. Ich sprach mit einem Freund darüber, wie sehr es mir Freude im Herzen bereitete, Teil eines Gesprächsabends und in der Lage zu sein, die Schriften zu lesen, als ich spontan bemerkte: "Weißt du, wenn ich die Worte Bahá'u'lláhs höre, erkenne ich auch die Stimme von Jesus in ihnen". Es wurde mir klar, warum ich an Bahá'u'lláhs Botschaft glaubte, während ich an die Lehren Jesu glaubte: Ich sah den Glauben von Jesus und den Bahá'u'lláhs als ein und dasselbe.

Als Bahá'í, die wir mit dem Konzept der fortschreitenden Gottesoffenbarung vertraut sind, scheint dies selbstverständlich zu sein: Wir wissen, dass Jesus und Bahá'u'lláh beide Manifestationen desselben Gottes sind, welche zu verschiedenen Zeiten in der Geschichte kamen den gleichen unveränderlichen Glauben zu lehren - wie es auch bei den anderen Manifestationen und Religionen, welche jeweils offenbart wurden, der Fall ist.

Aber es gibt - ich fühle es wirklich - eine Welt des Unterschiedes zwischen dem Akzeptieren auf einer rein intellektuellen Ebene, dass alle Hochreligionen vom selben Gott kommen, und dem wirklichen Eintauchen in die heiligen Lehren früherer Offenbarungen, wodurch man ein tieferes Verständnis des Lebens der Manifestationen und Ihrer Botschaft gewinnen kann. Darüber hinaus ist ein tieferes Verständnis der Schriften früherer Offenbarungen von entscheidender Bedeutung für ein tieferes Verständnis der Bahá'í- Sendung.

Shoghi Effendi schrieb:

»Die Heiligen Bücher sind voller Anspielungen auf diese neue Offenbarung. Im Buch der Gewissheit gibt Bahá'u'lláh das Schlüsselwort und erklärt einige der herausragenden Passagen, in der Hoffnung, dass die Freunde weiterhin die heiligen Bücher selbst studieren und die darin gefundenen Geheimnisse entfalten werden.«

Als ich früher versucht hatte, mein Wissen über die Bibel zu vertiefen, habe ich es einfacher gefunden, zu fragen, warum ich den Glauben Jesu und den Glauben Bahá'u'lláhs als ein und dasselbe ansehen konnte. Bahá'u'lláhs 'Sendbrief an die Christen', die Textauswahl von Abdu'l-Bahá 'Christ sein heißt...' und viele weitere Schriften zum Dialog mit Christen sind wunderbare Ressourcen für das Studium und haben meinem Verständnis sehr geholfen.

»Selig der Mensch, der sich löst von allem außer Mir, sich aufschwingt in die Höhen Meiner Liebe, der Einlass findet in Mein Reich, Meine Gefilde der Herrlichkeit schaut, die Lebenswasser Meiner Gaben leert, sich am himmlischen Strom Meiner liebenden Vorsehung satt trinkt, mit Meiner Sache vertraut wird, begreift, was Ich in den Schatzkammern Meiner Worte verborgen habe, und, Meinen Ruhm und Preis kündend, vom Himmel göttlicher Erkenntnis strahlt. Wahrlich, Er ist von Mir. Mit ihm seien Meine Barmherzigkeit, Meine Gnade, Meine Wohltat und Meine Herrlichkeit.« - Bahá'u'lláhs 'Sendbrief an die Christen'

George Townshend, ehemaliger Domherr der St.-Patricks-Kathedrale in Dublin, schrieb in seinem Buch 'Christus und Bahá'u'lláh' »Die Geschichte vom Kommen des Reiches Gottes zieht sich durch die gesamte Bibel. Es ist der Gipfel und die Erfüllung des großen Erlösungsplanes Gottes. Die Verwirklichung des Reiches Gottes am Ende der Zeiten ist von Anbeginn verheißen und verleiht der Bibel den Charakter zuversichtlicher Erwartung, von Erfolg und schließlichem Gelingen.«

Ein tieferes Verständnis der Lehren Jesu ist entscheidend, um auf viele der Fragen über den Bahá'í-Glauben und das Christentum, sinnvoll zu reagieren und die Perspektive derer, mit denen Sie sprechen, besser zu verstehen!

2. Den Unterschied verstehen

Für viele Christen ist das Hauptproblem - ungeachtet dessen, was sie über die Lehren des Glaubens annehmen mögen - der Glaube, dass man gleichzeitig kein Anhänger von Bahá'u'lláh und Jesus sein kann. Für die Bahá'í ist dies jedoch manchmal schwierig zu verstehen, da das Bahá'í-Konzept der fortschreitenden Offenbarung erklärt, wie die Botschaften von Jesus und Bahá'u'lláh - obwohl zu verschiedenen Zeiten in der Geschichte der Menschheit offenbart - von der gleicher göttlichen Quelle kommen.

Ein Christ, der mit biblischen Prophezeiungen vertraut ist, könnte jedoch besser in der Lage sein, Bahá'u'lláhs Behauptungen zu verstehen, er habe die Verheißung Jesu erfüllt, in "der Herrlichkeit des Vaters" oder als "Geist der Wahrheit" wiederzukommen. Ich habe jedoch festgestellt, dass der Bereich der biblischen Prophezeiungen einer ist, den viele Christen (ich selbst eingeschlossen, bis ich Bahá'í wurde) nicht kennen, oft wegen der mystischen Natur dieser Prophezeiungen.

Ein Buch, welches ich gerne christlichen Freunden empfehle, die versuchen, sich mit biblischen Prophezeiungen und ihrer Beziehung zum Bahá'í-Glauben auseinander zu setzen, ist das Buch 'Dieb in der Nacht' oder der merkwürdige Fall vom nicht erschienenen Tausendjährigen Reich, von William Sears.

William Sears bietet in 'Dieb in der Nacht' eine persönliche Erzählung seiner Reise zum Glauben an, beginnend mit seiner Entdeckung, dass in den 1840er Jahren eine Reihe von Christen eifrig auf die Wiederkunft Christi warteten! Fasziniert von dieser Entdeckung machte sich Sears daran zu entdecken, warum diese Christen das Gefühl hatten, dass die biblischen Prophezeiungen erfüllt würden. In 'Dieb in der Nacht' gibt William Sears einen faszinierenden Bericht über seine siebenjährige Reise. Obwohl das Buch keine erschöpfende Studie über biblische Prophezeiungen und Gelehrsamkeit ist, ist es ein guter Ausgangspunkt für jeden, der nicht wirklich mit biblischen Prophezeiungen vertraut ist und gerne eine persönliche Erzählung über die Bemühungen einer Person lesen würde, welche Bahá'u'lláhs Anspruch zu verstehen behauptet, die Verheißungen Jesu zu erfüllen.

Was uns zum 3. Punkt bringt:

3. Die Prophezeiungen bezüglich der Wiederkunft Christi verstehen

Als Bahá'í haben wir ein allgemeines Verständnis davon, wie Bahá'u'lláh die alten Prophezeiungen der Bibel erfüllt, aber es ist wirklich ehrfurchtgebietend, über die zahlreichen Prophezeiungen nachzudenken, die es in der Bibel gibt, und wie sie erfüllt wurden! Während mein Verständnis biblischer Prophezeiungen sehr einfach war, zeitigte der Prozess des Bewusstwerdens, wie viel es über biblische Prophezeiungen in Bezug auf den Glauben zu verstehen gibt, eine erstaunliche Erfahrung!

Zu diesem Thema gibt es eine ganze Reihe wirklich guter Veröffentlichungen - die meisten davon habe ich noch nicht gelesen!

4. Verständnis für die Probleme der biblischen Auslegung

Über die Frage der biblischen Prophezeiungen hinaus gibt es eine Reihe von Lehrfragen, über die viele meiner christlichen Freunde und Familienmitglieder Fragen hatten, wie Leben und Tod, Himmel und Hölle, Wunder, Tod und Auferstehung Jesu, die Sakramente. Für diejenigen von euch, welche nach einem gründlicheren Studium dieser Themen suchen, gibt es auch Abdu'l-Bahás Erklärungen zu diesen Themen im Buch 'Beantwortete Fragen'. Dort findet man auch Antworten zu einigen christlichen Themen.

5. Den breiteren historischen Kontext verstehen.

Schließlich finde ich, dass es eine großartige Möglichkeit ist mehr über die Geschichte der Religion und ein tieferes Verständnis des Konzepts der progressiven Offenbarung zu erlangen.

Das 'Buch der Gewissheit', von Bahá'u'lláh, auch als Kitáb-i-Íqán bekannt, ist ein großartiger Text, um sich weiter zu vertiefen. Das 'Buch der Gewissheit' hat innerhalb des Kanons der Offenbarungswerke Bahá'u'lláhs eine herausragende Stellung. Es ist, in den Worten Shoghi Effendis, "das grundlegendste Buch über die Bahá'í-Offenbarung" und enthält die "zentralen theologischen Fragen des Glaubens". Bahá'u'lláh selbst nennt den Kitáb-i-Íqán "Sayyid-i-Kutub", den "Herrn der Bücher". Für das Studium der Bahá'í-Religion ist der Kitáb-i-Íqán unerlässlich.

Mit der folgenden Aussage Bahá'u'lláhs im 'Buch der Gewissheit' möchte ich euch zur Diskussion einladen:

»Wem Einsicht gegeben, der weiß, dass zu der Zeit, da das Feuer der Liebe Jesu die Schleier jüdischer Enge verzehrt hatte und Seine Machtvollkommenheit sichtbar und allmählich anerkannt wurde, Er, der Offenbarer der unsichtbaren Schönheit, an Seine Jünger gewandt, auf Sein Scheiden hinwies, in ihren Herzen das Feuer der Verwaisung entfachte und sprach: "Ich gehe von hinnen und komme wieder zu euch.“ (Joh. 14:28) Und an anderer Stelle sprach Er: "Ich gehe hin und ein anderer wird kommen, der wird euch alles lehren, was ich euch nicht gesagt habe, und alles erfüllen, was Ich euch gesagt habe." (vgl. Joh. 14:26 , 16:13) Diese beiden Verse haben nur eine Bedeutung, wolltet ihr doch mit göttlicher Einsicht über die Manifestationen der Einheit Gottes nachdenken!«

 

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Helmut Winkelbach, Bahá’í Gemeinde Erfurt

Über den Autor

Helmut Winkelbach, Bahá’í Gemeinde Erfurt

Helmut, Sekretär und Webmaster der Gemeinde, hatte 1970 den ersten Kontakt mit der Bahá'í-Religion und erklärte sich 1974 zum Bahá'í-Glauben. Über 30 Jahre lebte Helmut in Belarus und half dort die Bahá'í-Gemeinde mit aufzubauen. Seit 2014 lebt er mit seiner Familie in Erfurt. Der interreligiöse Bereich und die Förderung der jungen Generation sind besondere Anliegen von Helmut.

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