Das Problem des Klimawandels aus Bahá'í-Sicht

Nehmt von der Welt nur, wessen ihr bedürft, und verzichtet auf alles andere

Wie gehen die Bahá'ís mit dem heiklen, komplexen und schwierigen Problem des Klimawandels um?

Wissenschaftliche Konzepte von Ökologie, Umweltverantwortung und evolutionärem sozialen Wandel sind tief in den Bahá'í-Lehren verwurzelt. Die Internationale Bahá'í-Gemeinde ist seit mehreren Jahrzehnten in Umweltfragen bei den Vereinten Nationen und anderswo aktiv. Bahá'í auf der ganzen Welt werden diese Woche am Earth Day (Tag der Erde) teilnehmen - aber der Bahá'í-Ansatz für den Klimawandel funktioniert von einer viel breiteren Perspektive aus, als nur einen Tag der Erinnerung an unseren Planeten zu widmen. Tatsächlich geht die globale Bahá'í-Gemeinschaft dem Klimawandel aus einer revolutionären Perspektive entgegen, die mit dem menschlichen Geist beginnt.

Für die Bahá'ís harmonisieren Wissenschaft und Religion grundlegend und bieten komplementäre Perspektiven der gleichen Grundwahrheiten. So wie Religion ohne Wissenschaft und Vernunft in Aberglaube versinken kann, tendiert auch Wissenschaft ohne Religion zum Materialismus und zur Zerstörung der natürlichen Umwelt.

Dieses Prinzip der Harmonie von Wissenschaft und Religion bedeutet, dass der Bahá'í-Ansatz eine wissenschaftliche Perspektive des Klimawandels mit Lösungen verbindet, die auch die sich daraus ergebenden ethischen und spirituellen Herausforderungen angehen. Es geht über die Befürwortung hinaus, die vorherrschende materialistische Gesellschaft und Konsumkultur in Frage zu stellen, indem das notwendige Gleichgewicht der materiellen und spirituellen Dimensionen des menschlichen Lebens betont wird. Indem die Bahá'í-Lehren Zufriedenheit in der Mäßigung vermitteln und die Extreme von Reichtum und Armut, die häufig mit übermäßigen Treibhausgasemissionen verbunden sind (erstere durch Überkonsum, letztere durch Entwaldung und Bodendegradation), beseitigen, fördern sie eine umfassende Neubewertung von unseren Lebensstil und Konsumgewohnheiten.

Bahá'u'lláh schreibt in 'Anspruch und Verkündigung':

»Nehmt von der Welt nur, wessen ihr bedürft, und verzichtet auf alles andere. Urteilt gerecht, und seid nicht wie jene, die vom Pfad der Gerechtigkeit abgeirrt sind.«

Des weiteren betont Er:

»In allen Dingen ist Mäßigung wünschenswert. Wird etwas übertrieben, so erweist es sich als Quell des Unheils.«

Auf der sozialen Ebene konzentriert sich der Bahá'í-Ansatz auf die Einheit der menschlichen Rasse, die auf Gerechtigkeit und Solidarität beruht. Sie untersucht die spirituellen Prinzipien, auf denen jede Lösung des Problems des Klimawandels und die größeren Herausforderungen der Gesellschaft basieren müssen, und regt zu individueller Reflexion, persönlicher Verantwortung, gemeinschaftlichem Handeln und Weltbürgerschaft an.

In 'Botschaften aus Akka' schreibt Bahá'u'lláh:

»Der Zweck der Gerechtigkeit ist das Zustandekommen von Einheit unter den Menschen.«

Für ein komplexes Thema wie den Klimawandel, bei dem Kosten und Nutzen, unmittelbare Vorteile und langfristige Risiken so ungleich verteilt sind, werden Gerechtigkeit und Gerechtigkeit für die Verwirklichung globaler kollektiver Maßnahmen unerlässlich sein. Wie die Internationale Bahá'í-Gemeinde schon 1995 in 'Entwicklungsperspektiven' ausgedrückt hat:

»Gerechtigkeit schützt vor der Versuchung, Fortschritt so zu definieren, dass das Wohl der Menschheit – ja des ganzen Planeten – den Vorteilen geopfert wird, die eine privilegierten Minderheit aus revolutionären Technologien zieht. Bei der Entwicklung und Planung stellt Gerechtigkeit sicher, dass… dass begrenzte Ressourcen nicht für Projekte verschwendet werden, die an den wesentlichen sozialen und wirtschaftlichen Bedürfnissen der Gesellschaft vorbeigehen. Vor allem können nur solche Entwicklungsprogramme, die den Bedürfnissen und Zielen der meisten Menschen gerecht werden, darauf hoffen, deren Unterstützung zu gewinnen; schließlich hängt die Durchführung von Entwicklungsprogrammen mit von diesen Menschen ab. Kann jedes Teil der Gesellschaft darauf vertrauen (kann), dass es durch allgemein akzeptierte Normen geschützt wird und am Nutzen teilhat, so können Eigenschaften wie Ehrlichkeit, Arbeitswilligkeit und Kooperationsfähigkeit erfolgreich zum gemeinsamen Ziel führen.«

Obwohl die Nationen der Welt jetzt ein universelles Abkommen unterzeichnet haben, um die CO2-Emissionen zu reduzieren und die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels zu mildern, haben wir keinen weltweiten Mechanismus zur Durchsetzung dieses Vertrags eingerichtet. Die derzeitige Schwierigkeit bei der Durchsetzung globaler Standards für Treibhausgasreduktionen liegt teilweise darin begründet, dass die Regierungen immer noch mehr auf die Verteidigung ihrer kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen bedacht sind, anstatt gerecht sowohl die erforderlichen Anstrengungen als auch die anfallenden Leistungen zu verteilen. Die Bahá'í-Lehren sprechen sich entschieden gegen die Führer der Welt aus, die den menschlichen Fortschritt in Richtung Gerechtigkeit, Frieden und Einheit vereiteln würden, der die ökologische Nachhaltigkeit gewährleistet.

Die Bahá'í haben eine starke Vision einer zukünftigen globalen Gesellschaft und sehen den Klimawandel als eine wichtige Kraft, welche die Nationen und Völker der Welt dazu zwingt, ihren gemeinsamen Interessen Priorität einzuräumen. Die Bahá'í-Schriften beinhalten Szenarien einer immer weiter fortschreitenden globalen Zivilisation, die aus einem prinzipienbasierten Ansatz für globale Herausforderungen wie den Klimawandel resultieren können, wobei eine föderierte Weltregierung in der Lage ist, kollektive Sicherheit zu bewahren, die enormen Ressourcen des Planeten zu verwalten und seine Schätze gleichberechtigt zu verteilen.

In 'Briefe und Botschaften' schreibt Abdu'l-Bahá:

»O verehrte Dame! ... Sieh, wie dieses Licht [der Einheit] nun am dunklen Horizont der Welt zu dämmern beginnt! Der erste Lichtstrahl ist die Einheit im politischen Bereich, der allererste Schimmer davon lässt sich nunmehr erkennen. Der zweite Lichtstrahl ist die Einheit des Denkens in weltweiten Unternehmungen, die bald vollzogen werden wird. Der dritte Lichtstrahl ist die Einheit in der Freiheit, die sicherlich eintreten wird. Der vierte Lichtstrahl ist die Einheit in der Reli­gion, der Eckstein, auf dem die Grundlage ruht; auch sie wird durch die Macht Gottes in ihrer ganzen Strahlenfülle offenbar werden. Der fünfte Lichtstrahl ist die Einheit der Nationen — eine Einheit, die in diesem Jahrhundert sicher begründet werden wird, so dass sich alle Völker der Welt als Bürger eines gemeinsamen Vaterlandes betrachten. Der sechste Lichtstrahl ist die Einheit der Rassen, die alle Erdenbewohner zu Völkern und Geschlechtern einer Rasse macht. Der siebte Lichtstrahl ist die Einheit der Sprache, das heißt die Wahl einer universalen Sprache, in der alle Menschen unterrichtet werden und miteinander verkehren. All dies wird unausweichlich eintreten, weil die Macht des Reiches Gottes seine Verwirklichung fördern und unterstützen wird.«

Diese einzigartigen, revolutionären Perspektiven der langfristigen Zukunft der Menschheit bilden einen positiven Fokus, um die negativen Bedenken für unsere unmittelbare Zukunft auszugleichen, welche die wissenschaftlichen Fakten des Klimawandels nur allzu deutlich zeigen.

Vor diesem Hintergrund hat sich die Bahá'í International Community (BIC) aktiv an der Debatte zum Klimawandel bei vielen Projekten beteiligt.

Bahá'í-Gemeinden in allen Teilen der Welt haben den Aufruf zur Bekämpfung des Klimawandels auf ihrer grundlegendsten Ebene aufgenommen, indem sie Bahá'u'lláhs Botschaft der wesentlichen Übereinstimmung von Wissenschaft und Religion in jedem Teil des Planeten tragen.

Wie sollten Bahá'í reagieren? Was können wir als Bahá'í in dieser hoch aufgeladenen politischen Situation tun? Sollten wir den Klimawandel einfach ignorieren und unsere Vision nach innen richten? Die klare Antwort ist nein. Der Brief des Universalen Hauses der Gerechtigkeit vom 29. November 2017 besagt, dass:

»Wann immer Bahá'í sich in der breiten Öffentlichkeit an Aktivitäten beteiligen, die mit diesem Thema in Zusammenhang stehen, können sie helfen, zu einem konstruktiven Prozess beizutragen, indem sie den Diskurs über parteiische Erwägungen und eigennützige Interessen hinausheben und danach streben, Einheit im Denken und Handeln herzustellen. Eine Reihe von Bahá'í-Konzepten können diese Anstrengungen leiten.«

Es kann keine Frage geben... dass Bahá'í sich den Bemühungen um soziale Transformation nicht verpflichtet fühlen, das Universale Haus der Gerechtigkeit macht im selben Brief auch deutlich, dass der Klimawandel zu den Themen gehört, in denen Bahá'í sich engagieren sollten:

»Das Universale Haus der Gerechtigkeit vertraut darauf, dass die Einzelnen, die Gemeinden und die Institutionen, während sie ihre Arbeit an zahlreichen Aspekten der Gemeindebildung, der sozialen Aktion und der Beteiligung an den Diskursen der Gesellschaft fortsetzen, fortwährend in ihrer Fähigkeit wachsen werden, einen unverwechselbaren und entscheidenden Beitrag zu leisten, die zahllosen Probleme anzusprechen, die die Gesellschaft und den Planeten befallen haben, einschließlich solcher, die mit dem Klimawandel verbunden sind.«

Das Universale Haus der Gerechtigkeit wies bereits in seiner Botschaft von Ridván 2010 auf den Klimawandel als Thema des öffentlichen Diskurses hin:

»Effektives soziales Handeln dient auch dazu, die Teilnahme an den gesellschaftlichen Diskursen zu bereichern, und ebenso können die Einsichten, die aus der Beteiligung an manchen Diskursen gewonnen werden, helfen, die Konzepte, welche soziale Aktivität beeinflussen, zu klären. Auf der Clusterebene kann die Beteiligung am öffentlichen Diskurs sehr unterschiedliche Formen annehmen; sie reicht von etwas so Einfachem, wie Bahá’í-Ideen in ein alltägliches Gespräch einzuflechten, bis zu formelleren Aktivitäten, wie der Ausarbeitung von Artikeln und Beteiligung an Treffen, die sich mit Themen von sozialem Interesse befassen – wie Klimawandel und Umwelt, Regierungsführung und Menschenrechte, um nur ein paar zu nennen. Damit verbunden sind auch bedeutsame Interaktionen mit Bürgerinitiativen und lokalen Organisationen in Dörfern und Nachbarschaften.«

Mit den folgenden Worten Bahá'u'lláhs möchte ich diesen Blog abschließen und gleichzeitig auf die Fortsetzung verweisen:

»Dies sind keine Tage des Wohlergehens und des Triumphes. Die ganze Menschheit ist von mannigfachen Krankheiten befallen. Bemüht euch darum, ihr durch die heilende Arznei, bereitet von der allmächtigen Hand des nie irrenden Arztes, das Leben zu retten.«

Fortsetzung: Der revolutionäre Ansatz der Bahá'í zum Klimawandel

 

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Helmut Winkelbach, Bahá’í Gemeinde Erfurt

Über den Autor

Helmut Winkelbach, Bahá’í Gemeinde Erfurt

Helmut, Sekretär und Webmaster der Gemeinde, hatte 1970 den ersten Kontakt mit der Bahá'í-Religion und erklärte sich 1974 zum Bahá'í-Glauben. Über 30 Jahre lebte Helmut in Belarus und half dort die Bahá'í-Gemeinde mit aufzubauen. Seit 2014 lebt er mit seiner Familie in Erfurt. Der interreligiöse Bereich und die Förderung der jungen Generation sind besondere Anliegen von Helmut.

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