Bahá'í-Gedanken zur Theodizee-Frage

Was sagen Bahá'í zur Theodizee-Frage?

Die Theodizee-Frage trat schon in vielen Religionen auf und hat auch schon sehr viele Antwortversuche hervorgebracht. Hier ein bescheidener Versuch aus Bahá'í-Sicht.

Vollkommenheit, also Gott, hat uns, Unvollkommenheit, erschaffen - aus Liebe. Weil es keinen anderen Grund gibt, warum Vollkommenheit Unvollkommenheit neben sich existieren lässt, kann dieser Zustand nur die Kondition der Bedingungslosigkeit sein, und diese Bedingungslosigkeit, welche wir in der Mystik als Liebe umschreiben, hat der Unvollkommenheit Leben verliehen. Dies ist der Grund für die Schöpfung - aber was ist deren Zweck?

Damit Unvollkommenheit danach strebt, so zu werden wie Vollkommenheit.

Die Liebe ist der Grund für den freien Willen; Vollkommenheit braucht nichts und schenkt Liebe. Liebe, Bedingungslosigkeit heißt freier Wille und der freie Wille ist die Ursache in der Welt der Pluralität; in einer Welt ohne Vielfalt kann der freie Wille nicht zum Ausdruck kommen. Deshalb sind wir nicht als rein bleibende Seelen erschaffen, sondern als Menschen, welche 70-90 Jahre Mühsal ertragen müssen um sich der Vervollkommnung anzunähern.

Wo immer Raum und Zeit ist, gibt es Veränderung und Veränderung führt zu Vergänglichkeit.

Also, Vollkommenheit kann nicht eingreifen um Unvollkommenes zu vervollkommnen, sonst wäre Sie keine Vollkommenheit.

Eigentlich gehen wir gar nicht davon aus, dass der Mensch etwas Schlechtes in sich hat, er ist schlichtweg gut - und dass das Schlechte, davon gehen wir aus, offensichtlich nicht an sich existiert, sondern das Schlechte ist das Nichtvorhandensein von Gutem. So wie Dunkelheit nicht vorhanden ist, sondern sie ist nur Abwesenheit von Licht. Auf die Seele übertragen sind es einfach nur Möglichkeiten, für die sich der freie Wille entscheiden kann.

»Der Mensch hat die Kraft zum Guten wie auch zum Bösen. Wenn die Kraft zum Guten vorherrscht und seine Neigungen zum Unrechten überwunden werden, mag der Mensch mit Recht als Heiliger bezeichnet werden.«

(‘Abdu’l-Bahá, 'Ansprachen in Paris')

Dinge, die wir als "schlecht" oder "böse" betiteln, sind entweder wirklich "böse" oder wir sehen sie aus einem begrenzten Blickwinkel als schlecht an. Krankheiten zählen zur Natur und sind damit wohl kaum als "böse" zu bezeichnen. Gleiches gilt für Naturkatastrophen. Hier müsste der Gläubige Mensch letztlich auf Gott vertrauen oder versuchen Dessen Plan in der Natur zu erkennen.

Damit etwas als "böse" bezeichnet werden kann, muss es sich frei entscheiden können. "Böse" können also nur Menschen oder von Menschen Beeinflusstes sein - und das was sie angerichtet haben.

Dass Menschen "böse" sein können, speist sich letztlich also aus ihrem freien Willen, der ihnen von Gott gegeben wurde. Tatsächlich hat Gott offenbar mit diesem Geschenk an die Menschen die Möglichkeit akzeptiert, dass diese sich statt für das "Gute" (Ihn) auch für das "Böse" (gegen Ihn) entscheiden können.

An sich wird die Frage der Theodizee damit des Paradoxons überführt, denn wenn Gott dem Menschen den freien Willen nicht gegeben hätte, dann könnten wir auch diese Frage nicht stellen.

Wieso kann Gott Leid zulassen?

Diese Frage wird sehr ausführlich in den Bahá'í-Schriften beantwortet. Eine Ausführung, die sehr wichtig ist, weil sie eine fundamentale Basis schafft um diese Frage zu beantworten ist diese:

Wir fassen zusammen, Gott ist seinem Wesen nach perfekt, so das Synonym; wenn wir von Gott sprechen, meinen wir Perfektion, das heißt alle für uns Menschen erstrebenswerten Eigenschaften schreiben wir nach unserem menschlichen Verständnis Gott zu, das heißt Er ist perfekt. Perfektion hat keinen Grund Unvollkommenheit zu erschaffen, außer eben um der Liebe willen. Philosophisch würden wir sagen: das ist der Zustand der Unbedingtheit oder die Bedingungslosigkeit der Vollkommenheit; sie ist doch vollkommen, weil sie bedingungslos ist oder sie ist bedingungslos, weil sie vollkommen ist; sie braucht nicht und schafft trotzdem und deswegen hat Gott die Unvollkommenheit, also relativ zu sich gesehen den Menschen, aus Liebe erschaffen.

Diese Liebe ist der Grund für den freien Willen, weil eine Liebe, zu der wir uns nicht frei entscheiden könnten, keine freie Liebe wäre, also dementsprechend nicht die Bedingungslosigkeit der Perfektion.

Der Segen und Nutzen von Herausforderungen und Prüfungen.

Die Welt der Pluralität ist die Ursache von Raum und Zeit? Weil, wenn es keinen Raum und Zeit gibt, gibt es auch keine Vielfalt. Diese gibt es nur durch Unterscheidungsmerkmale, folglich nur, wenn es Raum und Zeit gibt. Wo immer Raum und Zeit sind, ist endliche Freude, ist Vergänglichkeit. Vergänglichkeit ist das, was wir Menschen als Prüfung bezeichnen. Prüfung für Menschen ist all das, wobei Vergänglichkeit ein inhärentes Prinzip ist, das heißt z. B. Kontostand wird weniger: kann eine Prüfung sein; Kontostand wird mehr: kann auch eine Prüfung sein. Jemand der uns nahe war, ist nicht mehr nah bei uns oder verstorben. Sogar ein Zustand, der erstrebenswert ist und sich dann verändert, ist also der Vergänglichkeit preisgegeben und kann eine Prüfung sein, etwa: wir waren gesund, werden dann krank: kann eine Prüfung sein. All diese Dinge, jeder Zustand der sich ändert, ändert sich wegen der Vergänglichkeit, die in Raum und Zeit gelegt ist, und diese Veränderung ist eine ständige Ursache von Prüfungen.

»Ich beschwöre Dich bei Deiner Macht, o mein Gott! Lass kein Leid mich bedrängen in Zeiten der Prüfung und lenke, wenn ich achtlos bin, meine Schritte recht durch Deine Eingebung. Du bist Gott. Mächtig bist Du zu tun, was Du willst. Niemand kann Deinem Willen widerstehen oder Deine Absicht vereiteln.«

(Der Báb, 'Eine Auswahl aus Seinen Schriften')

Prüfung heißt nicht unbedingt, dass Gott uns jeden Tag Prüfungen schickt. Es gibt tatsächlich, wie ‘Abdu’l-Bahá sagte, bestimmte Umständen, in denen es notwendig ist, dass unsere Schritte recht gelenkt werden; es gibt dann bestimmte Dinge, die für uns eine gewisse Herausforderung werden, damit wir die unendlichen Wahlmöglichkeit einschränken - auf eine Wahlmöglichkeit, die uns hilft voranzukommen; aber im Grunde ist eigentlich das, was für mich Prüfung werden kann, vielleicht für jemand anderen gar keine Prüfung.

»Diese Beispiele alle sollen euch zeigen, dass die Prüfungen, die jeden unserer Schritte umlagern, alle unsere Sorgen, Leiden, Schmach und Kummer aus der Welt des Stoffes kommen, wogegen das geistige Reich nie Traurigkeit verursacht. Ein Mensch, der mit seinen Gedanken in diesem Reiche lebt, kennt dauernde Freude.«

(‘Abdu’l-Bahás, 'Ansprachen in Paris')

Damit wird gesagt, dass etwas für jemand eine große Schwierigkeit sein kann, muss aber nicht zwangsläufig für jemand anderen, der eine höhere geistige Empfänglichkeit und Empfindsamkeit erreicht hat, eine Prüfung sein. Prüfung, Veränderung und Vergänglichkeit und all das bringt uns letzten Endes zu der Frage: warum?

Warum gibt es Prüfungen?

Damit wir bei jedem Atemzug, in jedem Moment wir - jede/r Einzelne - sich letztlich für oder gegen die Liebe Gottes entscheidet. Das ist - so könnten wir sagen - der Grund für Prüfungen.

Zu sagen: Prüfung ist dazu da, damit wir geistig wachsen, stimmt auf einer Ebene, wie wir in den sieben Tälern lesen aber Bahá'u'lláh sagt, das sei noch nicht die vollendete Sicht auf Prüfung, weil das bedeute: du wünschst dir solche immer wieder, du willst, dass sie kommen. Du sagst: Okay, ich warte, sollen die Prüfungen kommen, ich wachse ja eh dadurch, aber deine Motivation sollte nicht nur sein durch Prüfungen zu wachsen, sondern wie es Bahá'u'lláh im Tal der Erkenntnis beschrieb: die Wanderer in diesem Tal kennen nicht einmal das Prinzip, welches lautet: »Er wird die Gerechtigkeit in der Ungerechtigkeit und die Gnade in der Gerechtigkeit schauen, manche Erkenntnis sehen, die in der Unwissenheit schlummert, und in der Erkenntnis hunderttausendfache Weisheit erblicken.«

Letzten Endes ist dieses Leben dazu da uns mit jedem Atemzug auf die Probe zustellen durch das Prinzip der Vergänglichkeit. Hat sich der Zustand in deinem Herzen, dass du Gott geliebt hast, mit den externen Dinge dieses Lebens geändert oder bist du genauso geblieben in deiner Liebe zu Gott, wie du es vorher warst? - Also haben externe Belange in der Welt des Seins dich wankend gemacht in deiner Überzeugung oder aber bist du standhaft geblieben in deiner Liebe zu Gott? - Das ist die Wahl, vor die wir mit jedem Atemzug in diesem irdischen Leben, das der Vergänglichkeit preisgeben ist, gestellt werden.

Theodizee-Frage, ich und unsere Gesellschaft

Auf den ersten Blick geht es um eine Analyse moralisch-ethischen Zerfalls, der Kriminalität und Selbstzerstörung durch alte und neue Süchte - verstärkt durch einen Unschuldswahn, der keine individuelle Schuld und damit auch keine individuelle Verantwortung und keinerlei Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft anerkennen will: Statt dem für tot erklärten Gott wird die Gesellschaft vor das Tribunal der Theodizee gezerrt und zur Selbstauflösung verurteilt. Ursache ist der "Verfall unserer Wertordnung", im Verein mit einem Verlust der metaphysischen Verantwortlichkeit für das individuelle Handeln; im Kern ein existentieller Verlust an Religiosität als prägender Kraft im Leben.

»Gehen diese immer wiederkehrenden Krisen, die die heutige Gesellschaft durchzucken, nicht hauptsächlich zu Lasten der bedauerlichen Unfähigkeit der anerkannten Führer in der Welt, die Zeichen der Zeit richtig zu lesen, sich ein für alle Mal von ihren vorgefassten Meinungen, ihren engen Glaubensvorstellungen zu lösen und das Räderwerk ihrer jeweiligen Regierungen nach den Maßstäben zu erneuern, die sich aus Bahá’u’lláhs Verkündigung der Einheit der Menschheit, dem hauptsächlichen und hervorragenden Merkmal Seines Glaubens, zwingend ergeben?«

(Shoghi Effendi, 'Die WeltordnungBahá’u’lláhs')

"Der Allgütige" ist einer der Namen Gottes, ja. Nun muss man aber aufpassen, an welchen Stellen man unwissentlich ein "westliches" Verständnis solcher Begriffe wie "Güte" oder "Gerechtigkeit" voraussetzt, wo es gar nicht passt. Außerdem muss man zwischen Phänomenen unterschiedlicher Kategorien unterscheiden.

Wir sollten dabei deutlich trennen zwischen Naturkatastrophen, menschlichen Fehlern und göttlich gefügten Begebenheiten.

Naturkatastrophen sind in erster Linie das Resultat der Unfähigkeit (oder Unwilligkeit) des Menschen, die Naturgesetze richtig einzuschätzen und dementsprechend zu reagieren. Wenn wir im mittleren Westen der Vereinigten Staaten, in dem jährlich im Schnitt drei Tornados toben, Häuser aus Presspappe bauen, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn diese auch dreimal jährlich zertört werden. Das ist dann nicht Gottes Werk, sondern die Unfähigkeit dieser Menschen. Für Überschwemmungsgebiete gilt dasselbe. Wer dort Häuser baut, muss damit rechnen, dass sie weggeschwemmt werden, solange er sie nicht auf genau diese Eventualität einstellt, indem er z. B. den Keller wasserdicht versiegelt oder andere Schutzmaßnahmen trifft. Stabile Häuser aus Stein fliegen auch bei einem Tornado nicht so einfach davon. Gerade solche Ereignisse sollten uns daran erinnern, dass der Mensch eben nicht allmächtig, sondern nach wie vor bestimmten Naturkräften ausgeliefert ist, derer er nicht so leicht Herr werden kann.

Die zweite Kategorie von Leid auf dieser Welt entsteht durch den Menschen selbst. Jede Form von Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Krieg, Hunger, Armut usw. entsteht durch die Unfähigkeit der Menschen, die Ressourcen des Planeten gerecht zu verteilen. Gegen diese Art von Leid geht Gott nach unserem Glauben aktiv vor, indem Er immer wieder Boten sendet, die einen besseren Weg aufzeigen sollen, die Probleme der Welt zu lösen. Ob der Mensch diese Angebote dann auch annimmt, obliegt aber wieder seinem freien Willen.

Die dritte Kategorie sind dann göttlich gefügte Begebenheiten. Dazu könnten wir z.B. Krankheiten zählen. Nicht, dass Gott aktiv neue Krankheiten erfinden würde, aber die Naturgesetze lassen Raum für die Entstehung neuer Krankheiten, Viren und Bakterien.

Zum Thema Krankheiten: einige entstehen direkt aus körperlicher od. seelischer Reaktion auf falsche Lebensweisen, die wiederum auf fehlender oder falscher Erziehung beruhen, das heißt: so genannte Zivilisations-Krankheiten. Insofern könnte man darin ein göttliches Korrektiv erblicken, damit Menschen anders leben als bisher, weil ihre Körper usw. nicht für solche Lebensweisen geeignet sind. Viele Krankheiten sind aber auch Zoonosen, die auf falschem Umgang mit Tieren beruhen. Der Mensch hat anscheinend bis heute versäumt zu lernen, dass man mit Tieren sehr vorsichtig umgehen muss um sich nicht mit bisher unbekannten Krankheiten zu infizieren, gegen die wir noch keine Abwehrmechanismen besitzen. Es gibt aber auch krankmachende Effekte, die von Mitmenschen ausgehen.

Krankheiten wären ein Beispiel für Probleme, die in der Welt liegen, die den Menschen dazu anregen sollen, sich weiterzuentwickeln, zu forschen und die Welt besser zu verstehen, um sie irgendwann auszurotten. Krankheiten sind in der Tat seit jeher ein wichtiger Motor der Forschung gewesen - neben dem Krieg und Naturkatastrophen. Natürlich wäre das nur ein Beispiel und sicher macht dies das Leid von Krankheitsopfern nicht besser. Es hilft aber jedenfalls, darin irgendeinen Sinn bzw. eine positive Richtung sehen zu können, die zwar nicht jeden Einzelnen, wohl aber die Menschheit als Ganze weiterbringen kann. Denn dadurch sterben z.B. heute kaum noch Menschen an Pocken. Das Leiden der früheren Pockeninfizierten hat also zumindest den Kindern, die heute auf die Welt kommen, dieses grausame Schicksal erspart. Es ist vielleicht tröstlich zu wissen, dass jeder selbst mit seinem Leid für Andere etwas bewirken kann, indem Ärzte dadurch schneller ein Heilmittel finden. So können wir es auch nicht als ungerecht empfinden, dass es Dinge in dieser Welt gibt, die dazu geschaffen sind, dass wir über uns hinauswachsen können. Denn Möglichkeiten zur Entfaltung und Weiterentwicklung sind nur gegeben, wenn die Aufgaben dementsprechend gestaltet sind. Das wird dir übrigens auch jeder Erziehungswissenschaftler bestätigen.

»Merke wohl: Wissen ist von zweierlei Art, göttlich und satanisch. Das eine entspringt dem Born göttlicher Eingebung, das andere ist nur ein Spiegelbild eitler, dunkler Gedanken. Der Quell des einen ist Gott selbst, die Triebkraft des anderen sind die Einflüsterungen selbstsüchtiger Wünsche. Das eine ist geleitet von dem Spruch: "Fürchtet Gott; Gott wird euch lehren", das andere bestätigt die Wahrheit: "Wissen ist der größte Schleier zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer."«

(Bahá’u’lláh, 'Kitáb-i-Íqán')

Es sei hier ergänzend bemerkt, dass in den Bahá‘í-Schriften erklärt ist, dass der Satan lediglich ein Symbol und kein vom Menschen unabhängiges Wesen ist!

Fortsetzung folgt.

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