Neues aus der Bahá'í-Gemeinde

Vortrag über Naw-Rúz das Neujahrsfest der Bahá’í, der Zorastrier, der Perser im Allgemeinen & auch der Kurden & anderer Völker.

Es ist ein sehr altes Fest, wenn wir auch nicht genau sagen können, wer es wann oder wo zuerst feierte. Da ich bekanntlich auch Archäologe bin, werde ich dazu nachher noch etwas sagen.

Durch den Badí-Kalender des Báb und dessen Bestätigung durch Bahá’u’lláh gelangte Naw-Rúz auch in die Bahá’í-Religion und wird heute weltweit gefeiert.

Das Naw-Rúz-Fest fällt auf den Tag, an dem die Sonne in das Zeichen des Widders eintritt, selbst wenn dies nur eine Minute vor Sonnenuntergang geschieht.“ – So lesen wir es in den „Fragen & Antworten“ zum Heiligsten Buch, dem Kitáb-i-Aqdas, Nr. 35.

Zu Frühlingsbeginn, wenn die Sonne praktisch direkt im Osten aufgeht, scheint sie in das uns als Widder bekannte Sternzeichen einzutreten, was allerdings nur auf Grund unserer Perspektive so aussieht. Das tut sie derzeit immer am 20. oder 21. März. Dieser Sachverhalt wird sich est im Jahre 2048 ändern. Dann nämlich wird erstmals seit längerer Zeit der Frühling am 19. oder 20. März beginnen. Ab 2100 werden dann wieder der 20. oder 21. März den Frühlingsbeginn markieren. - Warum ist das so?

Bekanntlich dreht sich die Erde auf einer elliptischen Bahn um die Sonne, so dass sie einmal näher, ein anderes Mal weiter entfernt von ihr ist. Die Zeit der größten Nähe zur Sonne fällt in die erste Januarwoche, welche auf der Nordhalbkugel der Erde noch im Winter liegt. Es fällt dann zwar mehr Licht ein, aber es bleibt noch kalt. Es ist die Schrägstellung unserer Planetenachse, durch welche die wärmere Jahreszeit wechselweise eintritt. Die Achse ist im Vergleich zur Bahnebene um die Sonne ca. 66,6° geneigt, also 23,4° am Äquator. Dadurch kommt es, dass einmal die Nord- ein anderes Mal die Südhalbkugel der Sonne mehr zugeneigt ist. Wenn die entsprechende Halbkugel sich zur Sonne zu neigen beginnt, sprechen wir von Frühlingsbeginn.

Schauen wir uns nun die Umlaufzeit der Erde um die Sonne näher an, dann stellen wir fest, dass sie 365 Tage, 5 Std., 48 Min. & 46 Sek. beträgt, also etwas mehr als ein normales Jahr von 365 Tagen. Damit sich die Jahreszeiten nicht im Hinblick aufs Datum verschieben können, so dass z. B. irgendwann der Sommer im Dezember beginnen würde oder Ähnliches, fügen wir deshalb alle vier Jahre einen Schalttag hinzu. Leider reichen diese Maßnahmen noch nicht, denn es wären nach 4 Jahren nur 23 Std., 15 Min. & 4 Sek. nötig, also hätten wir jetzt 44 Min. & 16 Sek. zu viel nachgeschaltet. Deshalb werden an 3 von 4 Jahrhundertgrenzen wie 1700, 1800 & 1900 die Schalttage weg gelassen, jedes vierte Jh. jedoch belassen, wie z. B. 2000. Wegen dieser Schalttag-Maßnahmen wird also das Datum des Frühlingsbeginnes zwischen 19. & 21. März hin- & her geschoben

Jetzt kommt noch dazu, dass der Bahá’í-Tag schon am Vorabend beginnt, also nicht um 0 Uhr. Das bedeutet, dass unser Naw-Rúz-Fest eventuell erst am folgenden Tag bisher üblicher Zeitrechnung gefeiert wird, wie in einem Brief Shoghi Effendis aus dem Jahre 1940 nachzulesen ist:

Bezüglich Naw-Ruz: sollte sich die Frühjahrstagundnachtgleiche am 21. März vor Sonnenuntergang ereignen, so wird an diesem Tag gefeiert. Wenn dies nach Sonnenuntergang geschieht, so ist Naw-Ruz, wie Bahá’u’lláh erklärt hat, am 22. März zu feiern.

Etwas früher liegt die wirkliche Tag- & Nacht-Gleiche, also die Zeit vom ersten bis zum letzten Sonnenstrahl, das so genannte Equilux. Dieses hängt nämlich zusätzlich mit den Rändern der Sonne zusammen & fällt in unserer Gegend etwa auf den 17. März. Im Herbst ist es etwas nach Herbstbeginn, nämlich um den 26. September.

Wie schon nach diesen Ausführungen überdeutlich geworden ist, handelt es sich bei der Ermittlung des Naw-Rúz-Termines um eine astronomisch-mathematische Leistung. Es ist mir ein Anliegen zu erwähnen, dass es dafür schon frühe Belege gibt:

Für die Zeit vor über 12.000 Jahren, also die Altsteinzeit, haben wir vorwiegend Belege für Mondbeobachtungen. Das ist nicht überraschend, da der alte Monatsbegriff aus solchen Beobachtungen gebildet wurde. Die Beobachtung der Sonne erfordert das Rechnen mit mindesten zwölfmal so großen Zahlen wie beim Mond & wurde deshalb vielleicht erst später entwickelt.

Die mir bekannten ältesten Belege zur Festlegung oder Messung der Tag- & Nachtgleichen stammen aus dem 4. Jt. v. Chr. in Irland: Zu diesen Zeiten fällt in die Großsteinanlage von Knowth das Sonnenlicht in deren Steingänge & erleuchtet so den Innenraum. Ähnliche Phänomene sind bei vergleichbaren Anlagen auch für die Sommer- & Wintersonnenwende bekannt. Derzeit glaubt man, dass dieses zu bestimmten Zeiten in die Grabanlagen einfallende Sonnenlicht Verbindungen der Lebenden zu den Verstorbenen aufzeigen sollte.

Es gibt antike Hinweise, dass auch das Volk Israel früher sein Neujahrsfest nicht zum Herbstanfang, sondern ebenfalls am Beginn des Frühlings feierte, was erst im 3. Jh. verbindlich geändert wurde.

Der römische Kalender begann vor Julius Caesar ebenfalls im März. Dies erklärt, warum September bis Dezember eigentlich der siebte bis zehnte Monat heißen, obwohl sie jetzt an neunter bis zwölfter Stelle stehen. Vielleicht von Interesse könnte sein, dass Februar vom lateinischen Wort für die Reinigung (februum) vor Jahresbeginn hergeleitet wird.

Schließlich möchte ich noch auf den chinesisch-vietnamesischen Kalender hinweisen, der immer zwischen 16. Jan: & 20. Feb. beginnt. Von dort hat unsere Zivilisation die lautstarke & feurige Begrüßung des neuen Jahres übernommen.

Die weltweit klein gewordene Anhängerschaft Zarathustras orientiert sich am Frühlingsbeginn im Iran. Der daraus resultierende Feiertag muss dem Báb & Bahá’u’lláh von Geburt an vertraut gewesen sein. Der persische Dichter Firdausi, welcher etwa 940 bis 1015 lebte, schrieb Naw-Rúz in seinem „Königsbuch“ Scháhnáme einem frühiranischen Fürsten namens Dschamschid zu, von dem wir leider nicht wissen, wann er lebte. Jedoch soll er schon Anhänger Zarathustras & Hohepriester der zarathustrischen Religion gewesen sein. Deren heutige Anhänger in Indien, die Parsen, nennen das Fest deshalb Jamshéd-i Nawróz. 2009/10 erkannten UNESCO & UNO das Fest als internationales Kulturerbe an, da es weltweit von zahlreichen Menschen festlich begangen werde. Interessant ist, dass das iranische Wort Rúz sprachlich mit unserem Wort Licht zusammen hängt, Naw-Rúz also in gewissem Sinne „Neues Licht“ bedeutet; dadurch dass jeder Tag mit neuem Licht anfängt, eben auch „Neuer Tag“. Das der heutigen Bezeichnung ähnliche Nou-Roz ist schriftlich erstmals im 2. Jh. bezeugt. Die iranische Tradition verbindet mit Neujahr zahlreiche Bräuche. Auch die muslimischen Schiiten im Iran haben diese übernommen.

Im Bahá’í-Kalender ist Naw-Rúz einer von neun Feiertagen. Es steht nicht nur dafür, dass es in der Nordhalbkugel wieder wärmer wird & die Menschen sich darüber freuen, sondern der Frühling sollte als Symbol für die Erneuerung der Menschenwelt aufgefasst werden. Diese Erneuerung hat zwei Varianten: zum Einen die jährliche Erneuerung von Denk- & Verhaltensweisen, zum Anderen der Hinweis auf die Stifter-Propheten (Offenbarer), durch deren Einwirkung sich die menschliche Gesellschaft erneuern kann. Im 111. Abschnitt des Aqdas finden wir folgende Äußerung Bahá’u’lláhs:

Dieser Tag ist wahrlich die Krone aller Monate und deren Ursprung, der Tag, da der Odem des Lebens über alles Erschaffene weht. Groß ist der Segen dessen, der ihn mit Heiterkeit und Frohmut begrüßt. Wir bezeugen, dass er in Wahrheit zu denen gehört, die ihr Ziel erreicht haben.

Es ist der erste Monat des Bahá’í-Jahres, welcher nach dem Stifter-Propheten Bahá – Herrlichkeit heißt. Lassen wir nun auch Seinen Sohn & Nachfolger Abdu’l-Bahá zu Worte kommen. Er schrieb im so genannten Naw-Rúz-Tablet:

Ich wünsche, dass dieser Segen in den Gesichtern und im Charakter der Gläubigen sichtbar werde, dass auch sie ein neues Volk werden, dass sie neues Leben finden …, so dass sie diese Welt erneuern, damit die alte Erde vergehe und eine neue Erde entstehe, alte Ideen sterben und neue Gedanken aufkommen …, die alte Politik, deren Grundlage der Krieg ist, aufgegeben werde und eine zeitgemäße Politik, die im Frieden gründet, ihr Siegesbanner erhebe, … bis die Welt der Finsternis eine Welt des Friedens werde … Dann wird diese irdische Welt zum Paradies …“.

Dr. Michael Sturm-Berger

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